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203/1206 Planetennewton


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Hallo Zusammen,

oft wird gefragt "warum einen Planetennewton" bauen oder einen Newton oprimieren?

Nun, bekannt ist daß die meisten Geräte von der Stange so sie nicht im oberen Preissegment entstammen etwas bis sehr verbesserungsfähig sind. Gerade beim Newton muß man kein Optiker sein um die üblichen Schwachstellen aus zu schalten, wenn die optischen Komponenten - also der Haupt- und der Fangspiegel - gut sind ist es nur die mechanische Seite die man in den Griff bekommen muß. Die baulichen Besonderheiten des 8"f6 habe ich ja schon beschrieben, aber wie wirkt sich das in der Praxis aus?

Im Vergleich zu Seriengeräten hat der Tubus meines "Pappsons" mit 300mm Innendurchmesser und einer Länge von 1500mm Abmessungen in die normalerweise mindestens ein 10"f5 Spiegel gestopft würde. In Verbindung mit einer gründlichen Isolation und einem saugenden Lüfter (der nur während der Abkühlphase läuft) läßt sich damit der störende Einfluss des Tubusseeings auf nahezu "Null" reduzieren, wenn die atmosphärischen Bedingungen es zulassen steht das Bild auch bei hohen Vergrößerungen völlig ruhig, ein Punkt der bei vielen Newtons zu recht kritisiert wird und als Argument gegen den Newton und für einen (kleineren) Refraktor angeführt wird. Aber: das liegt nur an mangelhafter Ausführung und nicht am System "Newton"...

Der HS stammt aus einem älteren Meade Starfinder, der FS ist ein 33mm kleines Exemplar mit hochwertiger Verspiegelung von >94% und einer Oberflächengenauigkeit von besser als 1/10 Lambda, das sind Herstellerangeban die ich für nicht unrealistsch halte, der Unterschied zum originalen FS war nicht zu übersehen. Nun nützen die besten Spiegel nichts wenn die Justage nicht stimmt, beim ersten Justieren habe ich mir die Haare gerauft bis alles paßte, dafür wird man nach dieser Prozedur mit einer sehr guten Abbildungsleistung belohnt: ich kenne zwei andere 8" Newtons, beides original belassene Seriengeräte, die halten in zweierlei Hinsicht nicht mit: auch wenn beide Teleskope ausgekühlt sind wird nur phasenweise ein halbwegs scharfes Bild erreicht, schon der kleinste atmosphärische Seeingeinfluss reicht um die Abbildung nicht nur in Unruhe zu versetzen sondern auch die Schärfe des Bildes sofort zusammenbrechen zu lassen. Beim optimierten Eigenbau fängt das Bild zwar an sich im Okular hin- und her zu bewegen, es bleibt aber wesentlich länger scharf. Viele Kugelsternhaufen fangen schon im Übersichtsokular an zu glitzern und zu funkeln wo sich manch ein 8-Zöller auch bei höheren Vergrößerungen schwer tut sie überhaupt vernünftig aufzulösen. Mehrfachsternsysteme wie Epsilon Lyrae zu trennen sind für den Pappson keine Herausforderung, bei brauchbarer Sicht reicht schon die mit dem 27mm Panoptik erreichbare Vergrößerung um die Stellung der vier Sterne deutlich zu erkennen, ab ca. 60x sind sie deutlich getrennt. Mangels dazwischenliegender Okularbrennweiten weiß ich nicht genau ab wann sie als getrennt durchgehen.

Die Vergrößerung des Pappsons läßt sich fast immer bis zum Erreichen der Beugungsunschärfe hochtreiben, erst wenn die Beobachtungsbedingungen wirklich schlecht werden muß man sich auf niedrigere Vergrößerungen beschränken, sehr schön ist der Unterschied bei tiefstehendem Mond zu sehen, schon unmittelbar über dem Horizont sind Beobachtungen mit 200x möglich wenn der Dunst nicht zu stark stört. Auch die Klarheit des Bildes wird von beiden Seriennewtons nicht erreicht, es bleibt immer der Wunsch noch etwas zu fokussieren, der Punkt wo das Bild wirklich scharf ist wird nur selten erreicht. Beim Eigenbau gibts es einen Punkt wo der Fokus auch für Laien erkennbar einfach paßt obwohl der Schlittenfokussierer mangels Feintrieb deutlich bedienungsunfreundlicher ist als ein einfacher 1:10 untersetzter OAZ.

Die Auskleidung mit Velours und der weit über den Schlittenfokussierer überstehende Tubus wirken sehr gut gegen störendes Streulicht, der Unterschied zur eher hellgrauen "Innenschwärzung" der üblichen Blechtuben ist unübersehbar, bei gleichen Beobachtungsbedingungen ist der Himmelshintergrund deutlich dunkler, der Kontrast bei blassen Deep-Sky Objekten wird stark verbessert. Objekte wie M13 oder der Hantelnebel sind schon in der Abendämmerung zu finden wenn die ersten Sterne auftauchen und eine Orientierung ermöglichen. Bei "vernünftigen" nächtlichen Beobachtungen wirkt sich die gründliche Innenschwärzung auch deutlich aus, es sind zum einen deutlich schwächere Objekte (Galaxien) zu sehen als in der handelsüblichen Konkurenz, bei Objekten die auch von diesen gezeigt werden kann man im Eigenbau schwächer Helligkeitsunterschiede und Strukturen wahrnehmen.

Der Witz an der Sache: ein so unhandlicher Eigenbau ist gar nicht erforderlich, ein Seriennewton ist ohne nennenswerte Schwierigkeiten auf fast gleiches Niveau zu bringen: Auskleiden des Tubus mit Velours und Isolation mit Styroportapte sind auch von Teleskopbesitzern die nicht zu den notorischen Bastlern gehören an einem Nachmittag erledigt, ein alter PC-Lüfter der mit einem Sperrholzdeckel hinten auf den Tubus gesetzt wird ist auch kein Kunstwerk. Wer sich nicht sicher ist läßt sich bei der Justage von einem erfahrenen Sternfreund helfen, und schon erkennt man die Leistung des Teleskopes nicht mehr wieder! Aus einer Isomatte läßt sich leicht eine Tubusverlängerung basteln um weiteres Streulicht ab zu halten, dann ist es nur eine Frage der Spiegelqualität wie weit man die theoretisch mögliche Leistung des Teleskopes ausschöpft. In der nächsten dunklen klaren Nacht freut man sich über die 50 oder 60 Euro und die paar Stunden investierte Bastelarbeit!

Viele Grüße Felix

(Verfasser: Felix42 | Datum: 01. August 2010 | Fehler melden)


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