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Foto: ursusmajor

Grossfernglas TS-Triplet- APO 100 / 90°


6/10
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Lange war ich auf der Suche nach einem Grossfernglas mit 100mm Öffnung und 90° Einblick und austauschbaren Okularen. Miyauchi- Produkte rechnen sich infolge des grossen Preises und der eher geringen Einsatzhäufigkeit nicht. Erfreulich für mich war nun das Erscheinen des Grossfernglases, das durch die chinesische Firma United-Optics hergestellt und mit verschiedenen Handelsnamen vertrieben wird. Ich erstand das Gerät bei Teleskop- Service, wo dieses unter der Bezeichnung TS- Triplet APO 100/90° vertrieben wird.

Das zweiäugige Sehen hat seine grossen Vorteile und bei zwei 100mm- Objektiven für zwei Augen braucht es einen deutlich grösseren Refraktor für dasselbe Lichtsammelvermögen

Bei diesem Grossfernglas handelt es sich um zwei gekoppelte und natürlich identische 4- Zoll- Refraktoren mit dreilinsigen Objektiven. Teilweise als APO anderweitig - wohl eher zutreffend - als Semi- APO angepriesen. Gemäss Auskunft von APM (Markus Ludes) weist die Optik eine Brennweite von 500mm aus.

Okularseitig befindet sich ein Okularstutzen mit einer 90°- Abwinkelung. Erfreulicherweise nimmt dieser neben den drei mitgelieferten Okularpaaren auch andere handelsübliche 1,25“- Okulare auf, die durch den grosszügigen Weg der beiden Drehfokussierer problemlos in den Fokus zu bekommen sind. Getestet habe ich mit diversen mir zur Verfügung stehenden Okuaren.

Dieses optische Gerät wird in einem schaumstoffgepolsterten Leichtmetallkoffer, zusammen mit drei Okularpaaren (Plössl) geliefert. Mit dabei sind ein demontierbarer Tragegriff, sowie objektiv- und okularseitige Schutzkappen; erstere aber leider sehr leicht abfallen.

Die drei mitgelieferten Okularpaare weisen anstelle von Brennweitenangaben die zu erreichenden Vergrösserungen von 40-, 33- und 22- fach auf. Auf der Webseite von Teleskop- Servcie werden die drei Vergrösserungsstufen erstaunlicherweise mit 37-, 30- und 20- fach angegeben.

Angenehm und praktisch wären die beiden verschiebbaren, metallenen Tauschutzkappen, die aber sehr klapprig und ohne jegliche Festtellungen auch leicht hin und her rutschen. Der Augenabstand wird mit einem Mitteltrieb eingestellt und hat eine genügenden Einstellbereich. Auffallend ist das beträchtliche Spiel von 0,5mm bei dem Verbindungsgelenk. Was aber nicht weiter stört, da das Ganze schwergängig genug ist, um sich im Gebrauch nicht selbständig zu verstellen. Fokussiert werden die einzelnen Okulare mittelst Drehfokussierer. Ein bzw. zwei O-Ringe, eingelassen in die Nosepieces der Okulare, halten diese in der Aufnahme fest und dichten gleichzeitig das Innere - bis zum Porroprisma - ab. Die Tuben zwischen Porroprisma und Objektiv sind nach den technischen Beschreibungen abgedichtet und mit Stickstoff gefüllt. Erfreulicherweise sind die Okulare parfokal. Das bedeutet, dass höchstens geringfügig bei einem Wechsel nachfokussiert werden muss.

Das Gerät wartet mit einem ansehnlichen Gewicht von knappen 7kg auf. Zusammen mit den Okularen und eventuellem Zubehör bringt der gepackte Leichtmetallkoffer gegen 10kg auf die Waage. Mit einer Grösse von 445mm x 260mm x 133mm ist das Instrument ein eindrückliches Teil.

Dazu kommt noch das unverzichtbare Stativ, das im einfachsten Fall ein stabiles Fotostativ sein kann. Für ein Reise- Equipment schon beträchtlich umfangreich in Grösse und Gewicht.

Ich benutze dieses Grossfernglas auf mit einem Manfrotto Videokopf (501 HDV) bestückten Fotostativ desselben Herstellers (055CXPRO4). Als einzige Option fertigte ich mir einen Adapter, der anstelle des entfernten Haltegriffes einen Leuchtpunktsucher von Teleskop-Service aufnimmt.

Nachdem ich innerhalb weniger Minuten das Stativ aufgestellt, den Manfrottokopf aufgesetzt und das mit der Manfrotto- Schwalbenschiene – festgeschraubt am Stativgewinde (1/4“) des Grossfernglases - versehene Instrument eingeschoben und fixiert habe, entferne ich den dazu verwendeten Haltegriff. Dazu wird einzig eine Inbusschraube (Ich ersetzte diese nachträglich durch eine Rändelschraube) gelöst, die danach in diesem Haltegriff verbleibt und fahre diesen aus der Aufnahme, schiebe anschliessend den Leuchtpunktsucher an dessen Stelle und sichere diesen mit einer im Adapter eingebrachten Rändelschraube. Danach entferne ich die vier Schutzkappen und füge die Okulare mit der kleinsten Vergrösserung (22- fach) ein. Dabei ist zu beachten, dass die Okulare wirklich - mit einer leichten Drehbewegung - bis in den Anschlag hinein gedrückt werden, da ansonsten der Fokus nicht erreicht werden kann. Ein leichtes Einfetten der O-Ringe erleichtert dies immens.

Mit dem eingeschalteten Leuchtpunktsucher – dieser habe ich tags mit grösster Vergrösserung an einer fernen Tannenspitze justiert - visiere ich nun Jupiter an. Trotz mässigem Seeing sehe ich diesen Planeten samt allen vier galileischen Monde im Gesichtsfeld. Das Einblickverhalten ist auch mit Korrekturbrille angenehm und das Gesichtsfeld wird nur wenig reduziert. Details sind auf der Jupiteroberfläche keine zu erkennen. Auch der Wechsel auf die 33- fache Vergrösserung bringt ausser einem besseren Ausfüllen des Gesichtsfeldes nichts. Das Einblickverhalten wird als Brillenträger bereits schlechter. Bei der grössten Vergrösserung (40-fach) sind nun andeutungsweise dunklere und hellere Stellen auf der Planetenoberfläche zu erkennen. Das Bild erscheint eher flau. Jupiter ist mit den beigelegten Okularen sicher nicht das geeignete Ziel. Ich bewege das Gerät in Richtung Andromedanebel (M31). Diese Riesengalaxie erscheint als grosser schummriger Fleck. Details sind nicht erkennbar. Die Sterne werden bis an den Rand punktförmig abgebildet. Bezüglich „Rand“: Jetzt im Dunkeln nicht weiter störend, sah ich bei Tageslicht, dass das Gesichtsfeld beschnitten wird. Dieses ist nicht schön rund, sondern weist je nach Okular eine einseitige oder gar zweiseitige Beschneidung auf. Offensichtlich ist das Prisma etwas zu klein geraten. Dazu kommt eine je nach Okularbrennweite mehr oder weniger erkennbare Abdunklung gegen den Gesichtsfeldrand hin. Diese stört aber beim Betrachten bei Nacht nicht weiter. Wahrscheinlich liegt diese Erscheinung weniger beim Objektiv, als bei den Okularen. Diese beiden Schwachpunkte sind wohl ein Tribut an die günstige Preisgestaltung.

Wie bereits erwähnt, sind die mitgelieferten Okulare nicht mit der Brennweite, sondern mit der damit in diesem Grossfernglas zu erreichenden Vergrösserung gekennzeichnet. Mit der bekannten Brennweite von 500mm des Fernglases kann man diese aber problemlos berechnen und erhält: 23, 15 und 12,5mm. Ich verfüge zwar für den Denkmeier Binoansatz über drei Okularpaare, aber keines unter 20mm Brennweite. Des Interesses halber stecke ich die beiden Vixen- LV20- Okulare in das Grossfernglas. Dabei bemerke ich den Nachteil der fehlenden O-Ringe. Die Okulare werden nur durch die Schwerkraft festgehalten. Normalerweise wird es bei einem 90°- Einblick nie vorkommen, dass die Okulare kopfüber zu stehen kommen. Die würden dabei sofort rausrutschen und zu Boden fallen.

Wieder Jupiter angepeilt, kann auch dieses Okularpaar problemlos in den Fokus gebracht werden. Es zeigen sich auch mit diesen LV- Okularen keine Details auf der Planetenoberfläche. Die Vergrösserung von 25-fach ist einfach zu klein. Die bessere Qualität der Vixen-Okulare zeigt sich durch das etwas grössere Gesichtsfeld und einem sehr angenehmen Einblickverhalten. Diese neigen deutlich weniger zu Abschattungen als die Originalokulare.

Nun schiebe ich, da leider nur ein Stück vorhanden, ein Vixen LV5 in die linke Okularaufnahme. Jupiter zeigt - stark schwabbelnd und sehr dunkel - das nördliche, dunkle Wolkenband zumindest erahnbar. Das südliche hat sich dieses Jahr (2010) verabschiedet. Mit diesem Okular bin ich mit 100-facher Vergrösserung an die sinnvolle Grenze eines 100mm- Objektivs angelangt. Zudem zeigt sich jetzt auch mein verwendetes Stativ überlastet. Die sanfteste Berührung lässt Jupiter weit aus dem Gesichtsfeld schwingen. Der weitere Test mit dem LV 9mm zeigt, dass auch mit der damit erreichten, kleineren Vergrösserung von 55- fach alle vorherigen Details erkannt werden können. Jupiter sieht nun einfach kleiner aber etwas „knackiger“ aus. Auffallend ist das eher flaue Bild bei diesen hohen Vergrösserungen. Wenn ich das Bild mit derselben Vergrösserung bei meinem Lichtenknecker vergleiche, ist dies bei diesem 6"- Refraktor viel deutlicher und kontrastreicher. Zudem scheint Jupiter einen schwachen Kometenschweif zu haben. Offenbar sind die Objektive nicht perfekt justiert. Dieser Verdacht erhärtet sich dadurch, dass diese "Erscheinung" nicht bei beiden Tuben gleich stark auffällt.

Als Schluss schiebe ich ein LV2,5 ein und erhalte für einen 4- Zöller die phantastische Vergrösserung von 200- fach. Dass Jupiter nun zwar gross aber sehr flau erscheint, ist bei dieser „Vergewaltigung“ zu erwarten. Mich interessiert mehr Vega. Jetzt kommt der Vorteil des 90°-Einblickes bei diesem hoch stehenden Stern zur Geltung. Nach der unbequemen und kniffligen Anpeilung kann ich mich nun bequem dem Abbild im Okular widmen. Alle Sterne sind bis zum Rand punktförmig. Vega leuchtet fast blendend und zeigt deutlich Farbsäume wie leider auch einen deutlichen Kometenschweif. Dies deutet auf eine dejustierte Optik. Die Bezeichnung dieser Optik - trotz der verbauten drei Linsen - als Semi-Apo ist eindeutig zu hoch gegriffen.

Auch der Sterntest mit der 40-fachen Vergrösserung am Stern Alkaid zeigt auf eine Dejustierung der Optik hin. Links deutlich weniger stark als rechts. Leider bietet das Instrument nur die Möglichkeit, die beiden Umlenkprimen mittels Schrauben einzustellen, falls das Instrument "schielen" sollte.

Fazit: Ein schweres und mit ein paar mechanischen und leider stärkeren, optischen Schwächen versehenes Instrument. Dies sind die Konzessionen, die gegenüber eines vergleichbaren und mehrfach teureren High- End- Gerätes eingegangen werden müssen. Trotzdem macht es Freude, mit diesem Gerät bei kleineren Vergrösserungen (maximal 25-fach) über den Himmel (Milchstrasse) zu schweifen. Bei höheren Vergrösserungen machen sich leider, vorwiegend bei helleren Objekten, die optischen Aberrationen störend bemerkbar.

Im August 2010

(Verfasser: ursusmajor | Datum: 05. Oktober 2010 | Fehler melden)



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