Wie viele Galaxien gibt es? Schätzungen & warum sie streiten

Von · Veröffentlicht am · Angaben geprüft am 22. September 2026

Im beobachtbaren Universum gibt es nach heutigem Wissensstand einige hundert Milliarden bis rund zwei Billionen Galaxien. Gezählt hat sie niemand: Alle Zahlen sind Hochrechnungen aus winzigen, extrem lange belichteten Himmelsausschnitten.

⭐ Kurz gesagt: Wer eine Zahl braucht, nimmt „mehrere hundert Milliarden“ – die berühmten zwei Billionen von 2016 gelten nach Messungen der Raumsonde New Horizons als zu hoch. Die Unsicherheit steckt fast nur in winzigen Zwerggalaxien, die kein Teleskop einzeln erfasst. Mit bloßem Auge siehst du von Deutschland aus neben der Milchstraße nur eine Galaxie sicher: Andromeda.
Webbs erstes Deep Field: tausende Galaxien in einem winzigen Himmelsausschnitt hinter dem Galaxienhaufen SMACS 0723
Ein Himmelsausschnitt so groß wie ein Sandkorn auf Armlänge – und darin tausende Galaxien: Webbs erstes Deep Field hinter dem Galaxienhaufen SMACS 0723 (Juli 2022). Bild: NASA, ESA, CSA, STScI (gemeinfrei; die Fassung von ESA/Webb steht unter CC BY 4.0) – Quelle

Wie viele Galaxien gibt es: die Schätzungen seit 1995

Seit das Hubble-Teleskop 1995 zehn Tage lang auf ein scheinbar leeres Stück Himmel starrte, hat sich die Schätzung zweimal um den Faktor zehn verschoben – erst nach oben, dann wieder zurück. Die Tabelle zeigt die wichtigsten Stationen.

Jahr und StudieMethodeSchätzung
1995/2004: Hubble Deep FieldsGalaxien in winzigen Feldern gezählt und auf den ganzen Himmel hochgerechnet100–200 Mrd.
2016: Conselice et al.Galaxienzahlen bis Rotverschiebung 8 plus Modell für die zu schwachenrund 2 Billionen
2021: Lauer et al. (New Horizons)Hintergrundlicht des Himmels jenseits von Pluto gemessen: höchstens doppelt so viel Licht wie alle bekannten GalaxienHunderte Mrd.
2024: Postman et al. (New Horizons)Neue, genauere Messung: Hintergrundlicht vollständig durch bekannte Galaxien erklärbarHunderte Mrd.
seit 2022: James WebbTiefer ins frühe Universum: rund zehnmal mehr helle Galaxien in den ersten 500 Mio. Jahren als erwartetbetrifft die Frühzeit, kaum die Gesamtzahl

Am besten belegt ist heute die untere Hälfte der Spanne. Die zwei Billionen stammen aus einem Modell, das sehr viele sehr schwache Galaxien annimmt; deren Licht müsste im Hintergrundglühen des Himmels auftauchen, und genau das hat New Horizons nicht gefunden.

Quellen der Tabelle: NASA/ESA 2016, Conselice et al. 2016, Lauer et al. 2021, Postman et al. 2024, COSMOS-Web/JWST 2025.

Hochrechnung aus dem Deep Field: So entsteht die Zahl

Das Prinzip ist simpel: Man zählt die Galaxien in einem kleinen Feld und multipliziert mit der Zahl solcher Felder am ganzen Himmel. Das Hubble Ultra Deep Field von 2004 zeigt rund 10.000 Galaxien auf 11 Quadratbogenminuten – etwa ein Fünfzigstel der Fläche des Vollmonds.

Hubble Ultra Deep Field: rund 10.000 Galaxien in einem Himmelsfeld von einem Zehntel des Vollmonddurchmessers
Fast jeder Lichtpunkt ist eine Galaxie: das Hubble Ultra Deep Field, belichtet über rund eine Million Sekunden. Bild: NASA, ESA, S. Beckwith (STScI) und das HUDF-Team (gemeinfrei)

Der ganze Himmel umfasst rund 148 Millionen Quadratbogenminuten, also etwa 13,5 Millionen solcher Felder. 13,5 Millionen mal 10.000 ergibt gut 130 Milliarden Galaxien – genau die Hausnummer, die jahrzehntelang in jedem Lexikon stand.

Gut zu wissen: Die Rechnung setzt voraus, dass das Universum in jeder Richtung gleich aussieht. Auf großen Skalen stimmt das erstaunlich gut – deshalb darf man aus einem einzigen Feld auf den ganzen Himmel schließen.

Warum die Zahlen so weit auseinanderliegen: vier Gründe

Zwischen 130 Milliarden und zwei Billionen liegt ein Faktor 15. Das liegt nicht an schlampiger Arbeit, sondern an vier Grundproblemen beim Zählen.

Das beobachtbare Universum hat eine Grenze

Wir sehen nur Licht, das seit dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren Zeit hatte, uns zu erreichen. Weil sich der Raum währenddessen ausgedehnt hat, misst diese Kugel heute rund 93 Milliarden Lichtjahre im Durchmesser. Was dahinter liegt, ist unbeobachtbar – alle Zahlen auf dieser Seite gelten nur für diese Kugel.

Die meisten Galaxien sind winzige Zwerge

Schon in unserer Nachbarschaft, der Lokalen Gruppe, sind nur drei von über 80 Galaxien große Spiralen, der Rest sind Zwerggalaxien. Viele davon haben nur einige Tausend bis Millionen Sterne und wären schon in wenigen Millionen Lichtjahren Entfernung unsichtbar.

Wie viele solcher Zwerge es im fernen Universum gibt, muss man aus den Zählungen der helleren Galaxien hochrechnen. Genau diese Hochrechnung macht den Unterschied zwischen hundert Milliarden und zwei Billionen.

Rotverschiebung und Nachweisgrenze

Je weiter eine Galaxie entfernt ist, desto stärker verschiebt die Ausdehnung des Raums ihr Licht ins Infrarote. Gleichzeitig sinkt ihre Flächenhelligkeit dramatisch – mit der vierten Potenz von (1 + Rotverschiebung), bei z = 8 also um den Faktor 6.500.

Hubble sieht deshalb ab einer gewissen Entfernung nur noch die hellsten Exemplare. James Webb reicht mit seinem Infrarotblick deutlich weiter, aber auch er hat eine Nachweisgrenze, unter der Galaxien einfach verschwinden.

Zählen über die Zeit: früher gab es mehr

Ein Deep Field zeigt ferne Galaxien so, wie sie vor Milliarden Jahren waren. Im frühen Universum gab es viel mehr, aber kleinere Galaxien, die seither zu großen verschmolzen sind.

Die zwei Billionen von Conselice zählen daher Galaxien aus allen Epochen entlang unserer Blickrichtung. Wie viele es „jetzt gerade“ gibt, ist eine andere Frage – und prinzipiell nicht beobachtbar, weil ihr heutiges Licht uns noch nicht erreicht hat.

Häufiger Fehler: „Es gibt zwei Billionen Galaxien“ ist keine Zählung, sondern eine Modellrechnung, bei der rund 90 Prozent der Galaxien nie beobachtet wurden. Wer die Zahl zitiert, sollte „bis zu“ davorsetzen – und dazusagen, dass neuere Messungen eher für einige hundert Milliarden sprechen.

Größenordnungen: von der Milchstraße bis zum Rand

Mit jeder Stufe der kosmischen Hierarchie wächst die Zahl der Galaxien um das Hundert- bis Tausendfache. Die Leiter zeigt, wo wir stehen.

Galaxien auf jeder Stufe von unserer Heimat bis zum Lichthorizont Milchstraße 1 Galaxie Ø rund 100.000 Lichtjahre Lokale Gruppe über 80 Galaxien Ø rund 10 Mio. Lichtjahre Virgo-Haufen 1.300 bis 2.000 Galaxien 54 Mio. Lichtjahre entfernt Laniakea-Superhaufen rund 100.000 Galaxien Ø rund 520 Mio. Lichtjahre Beobachtbares Universum Hunderte Mrd. bis 2 Billionen Ø rund 93 Mrd. Lichtjahre
Jede Stufe enthält die vorherige: Die Milchstraße gehört zur Lokalen Gruppe, diese liegt am Rand des Virgo-Haufens im Laniakea-Superhaufen. Grafik: sterngucker.de

Die Lokale Gruppe und der Virgo-Haufen sind Teil des Laniakea-Superhaufens mit rund 100.000 Galaxien. Selbst dessen 520 Millionen Lichtjahre sind nur gut ein halbes Prozent des beobachtbaren Universums.

Sterne pro Galaxie: von Tausenden bis Billionen

Galaxien unterscheiden sich in ihrer Sternzahl um rund zehn Zehnerpotenzen. Die Tabelle zeigt typische Vertreter; alle Werte sind Schätzungen mit großer Unsicherheit.

GalaxieTypSterne (ca.)
Ultraschwache Zwerge (z. B. Segue 1)Zwerggalaxieeinige Tausend
Kleine Magellansche Wolkeirreguläre Zwerggalaxiemehrere hundert Mio.
Große Magellansche Wolkeirreguläre Zwerggalaxierund 30 Mrd.
MilchstraßeBalkenspirale100–400 Mrd.
Andromeda-Galaxie (M31)Spiralgalaxierund 1 Billion
M87 im Virgo-HaufenRiesenelliptischemehrere Billionen

Multipliziert mit einigen hundert Milliarden Galaxien ergibt das grob 1022 bis 1024 Sterne im beobachtbaren Universum. Wie diese Zahl zustande kommt und wie viele Sterne du selbst siehst, steht im Artikel Wie viele Sterne gibt es?.

Lokale Gruppe: über 80 Galaxien in der Nachbarschaft

Die Lokale Gruppe ist unsere galaktische Nachbarschaft: rund 10 Millionen Lichtjahre im Durchmesser, mit mehr als 80 bekannten Mitgliedern. Sie wird von drei Spiralen dominiert – der Milchstraße, der Andromeda-Galaxie und der Dreiecksgalaxie M33.

Fast alles andere sind Zwerggalaxien, darunter die Große Magellansche Wolke und die Kleine Magellansche Wolke. Die Liste wächst fast jedes Jahr, weil Himmelsdurchmusterungen immer lichtschwächere Begleiter aufspüren; seit dem Standardkatalog von McConnachie (2012) sind Dutzende hinzugekommen.

GalaxieTypEntfernungSichtbarkeit
MilchstraßeBalkenspirale– (wir sind drin)Lichtband, bloßes Auge
Große Magellansche Wolkeirreguläre Zwerggalaxie160.000 Ljbloßes Auge, nur Südhimmel
Kleine Magellansche Wolkeirreguläre Zwerggalaxie200.000 Ljbloßes Auge, nur Südhimmel
Andromeda-Galaxie (M31)Spiralgalaxie2,5 Mio. Ljbloßes Auge
Dreiecksgalaxie (M33)Spiralgalaxie2,7 Mio. Ljbloßes Auge nur unter sehr dunklem Himmel
M32 und M110Zwerg-Ellipsen2,5 Mio. LjFernglas, Teleskop

Galaxien selbst sehen: Auge, Fernglas, Teleskop

Von Hunderten Milliarden Galaxien siehst du von Deutschland aus mit bloßem Auge genau zwei: die Milchstraße, in der wir leben, und die Andromeda-Galaxie. Unter sehr dunklem Landhimmel kommt die Dreiecksgalaxie M33 dazu – ein Test für geübte Augen.

Die beiden Magellanschen Wolken sind hell und groß, stehen aber so weit südlich, dass sie aus Europa nie aufgehen. Sie werden erst in den Tropen knapp über dem Horizont sichtbar und stehen auf der Südhalbkugel richtig hoch.

InstrumentGalaxienBeispiele
Bloßes Auge2 bis 3Milchstraße, Andromeda, unter sehr dunklem Himmel M33
Fernglas 10×50etwa 10 bis 20Andromeda mit M32, M33, M81 und M82, unter gutem Himmel M51
Teleskop 130 mmDutzendeGroßteil der rund 40 Messier-Galaxien, Leo-Triplett, Virgo-Haufen
Teleskop 200–250 mmHundertezusätzlich viele NGC-Galaxien, erste Spiralarme bei M51

Galaxien selbst sehen

Ehrlich vorweg: Im Teleskop sind Galaxien graue, unscharfe Nebelflecken, keine bunten Spiralen wie auf Hubble-Fotos. Farbe erkennt das Auge bei so wenig Licht nicht.

Der Reiz liegt woanders: Du siehst Licht, das Millionen Jahre unterwegs war, und mit 130 mm Öffnung unter dunklem Himmel Dutzende solcher Welten. Welche Öffnung was zeigt und wie du Galaxien findest, erklärt unser Ratgeber Teleskop für Galaxien.

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Galaxientypen im Überblick: Spiralen, Ellipsen, Zwerge

Edwin Hubble ordnete Galaxien 1926 nach ihrer Form, und die Grundeinteilung gilt bis heute. Mehr zu Aufbau und Entstehung steht auf unserer Übersichtsseite Galaxie.

TypMerkmalBeispiel
SpiralgalaxieScheibe mit Spiralarmen, viele junge SterneAndromeda, M33
BalkenspiraleSpiralarme setzen an einem Balken anMilchstraße
Elliptische Galaxierund bis oval, alte Sterne, kaum GasM87
Linsenförmige GalaxieScheibe ohne SpiralarmeNGC 5866
Irreguläre Galaxieohne klare FormMagellansche Wolken
Zwerggalaxieklein und lichtschwachM32, M110

Zwerggalaxien sind der mit Abstand häufigste Typ – sie tauchen nur in keiner Bildergalerie auf, weil sie so unscheinbar sind.

Häufige Fragen zur Anzahl der Galaxien

Wie viele Galaxien gibt es in der Milchstraße?

Keine – die Milchstraße ist selbst eine Galaxie. Gemeint sind meist ihre Begleiter: Um die Milchstraße kreisen mehr als 50 bekannte Zwerggalaxien, darunter die beiden Magellanschen Wolken.

Wie viele Galaxien sind bisher erfasst?

Eine exakte Gesamtzahl gibt es nicht, weil sich die Kataloge überschneiden. Allein das Weltraumteleskop Euclid hat in seiner ersten Datenveröffentlichung 2025 rund 26 Millionen Galaxien erfasst und soll bis zum Missionsende über 1,5 Milliarden abbilden (ESA).

Gibt es mehr Galaxien als Sterne in der Milchstraße?

Etwa gleich viele: Die Milchstraße hat 100 bis 400 Milliarden Sterne, das beobachtbare Universum einige hundert Milliarden Galaxien. Welche Zahl größer ist, lässt sich bei diesen Unsicherheiten nicht sagen.

Gibt es außerhalb des beobachtbaren Universums weitere Galaxien?

Sehr wahrscheinlich, denn nichts deutet darauf hin, dass der Raum an unserem Lichthorizont endet. Beobachten lässt sich das aber prinzipiell nicht, und wie groß das gesamte Universum ist, weiß niemand.

Wie weit ist die nächste Galaxie entfernt?

Die nächste große Galaxie ist Andromeda in 2,5 Millionen Lichtjahren. Noch näher sind Zwerggalaxien, die die Milchstraße umkreisen: Die Sagittarius-Zwerggalaxie liegt etwa 70.000 Lichtjahre entfernt, die Große Magellansche Wolke rund 160.000.

Kann man die Magellanschen Wolken von Deutschland aus sehen?

Nein. Beide stehen zu weit südlich: Sichtbar werden sie erst südlich von etwa 17 bis 20 Grad nördlicher Breite, richtig hoch stehen sie nur auf der Südhalbkugel.