Von Alexander Merz · Aktualisiert am
Das Tunguska-Ereignis war eine gewaltige Explosion über der sibirischen Taiga am 30. Juni 1908 gegen 7:14 Uhr Ortszeit: Ein rund 50 bis 80 m großer Brocken aus dem All zerbarst in etwa 5 bis 10 km Höhe und knickte auf 2.150 km² den Wald um – ohne Krater und ohne gesicherten Meteoriten.

Was geschah am 30. Juni 1908: ein Morgen in der Taiga
Kurz nach 7 Uhr morgens zog ein bläulich-weißer Feuerball über Mittelsibirien, fast so hell wie die Sonne. Über dem Gebiet der Steinigen Tunguska, eines Nebenflusses des Jenissei, folgten ein greller Blitz und eine Feuersäule. Minuten später rollte ein Donner wie Artilleriefeuer über das Land.
Im Handelsposten Wanawara, rund 65 km südlich, riss die Druckwelle Menschen um und drückte Fenster und Türen ein. Ein Bewohner berichtete später Kuliks Expedition, er sei vom Stuhl geschleudert worden und habe eine Hitze gespürt, als würde sein Hemd brennen. Weil die Gegend fast menschenleer war, blieb es bei Schäden an wenigen Hütten und getöteten Rentieren.
Gemessen wurde die Explosion noch Tausende Kilometer entfernt. Seismographen in Irkutsk registrierten die Erschütterung, und die Luftdruckwelle erreichte nach 4 Stunden und 42 Minuten die Barographen in Potsdam, rund 5.000 km weit weg. Dort tauchte sie nach einer vollen Erdumrundung ein zweites Mal auf.
Tunguska-Explosion in Zahlen: Energie, Höhe, Fläche
Beim Tunguska-Ereignis – international „Tunguska Event“ – gehen die Zahlen weit auseinander. Niemand hat 1908 gemessen, wie groß der Körper war oder wie hoch er explodierte. Alle Werte sind Rückrechnungen aus umgeknickten Bäumen, Druckwellen-Aufzeichnungen und Computermodellen.
| Merkmal | Wert | Anmerkung |
|---|---|---|
| Datum und Uhrzeit | 30. Juni 1908, ca. 7:14 Uhr Ortszeit | 0:14 Uhr Weltzeit; julianisch 17. Juni |
| Ort | Steinige Tunguska, heute Region Krasnojarsk | 60° 53′ N, 101° 54′ O |
| Größe des Körpers | rund 50 bis 80 m | ältere Schätzungen 30 bis 100 m |
| Explosionshöhe | etwa 5 bis 10 km | Modelle reichen bis 15 km |
| Energie | 3 bis 30 Megatonnen TNT | oft zitiert: 10 bis 15 Mt |
| Umgeknickter Wald | 2.150 km² | Schmetterlingsform, 70 km breit, 55 km lang |
| Umgeknickte Bäume | oft genannt: 80 Millionen | alte Hochrechnung, vermutlich deutlich zu hoch |
| Krater | keiner | Tscheko-See als Krater umstritten |
| Todesopfer | keine sicher belegt | bis zu drei gelten als möglich |
Quellen: Wikipedia (Tunguska-Ereignis/Tunguska event), NASA (2019), Sandia National Laboratories (2007), Boslough & Bruno (2025), Jenniskens (2019).
Wie stark war die Explosion? Drei bis dreißig Megatonnen
Die älteren Schätzungen von 10 bis 15 Megatonnen stammen aus Vergleichen mit Atombombentests. Diese Rechnung behandelt die Explosion als Punkt in der Luft. Eine Megatonne entspricht der Sprengkraft von einer Million Tonnen TNT.
Das Sandia-Labor kam 2007 mit Supercomputer-Simulationen auf nur 3 bis 5 Megatonnen. Der Grund: Ein Feuerball, der mit hoher Geschwindigkeit nach unten weiterzieht, trägt seine Energie näher an den Boden und richtet mit weniger Sprengkraft mehr Schaden an. Ein NASA-Team kam 2019 dagegen auf 10 bis 30 Megatonnen und einen Körper von 50 bis 80 m.
Zum Vergleich: Die Hiroshima-Bombe hatte rund 15 Kilotonnen. Tunguska war also je nach Schätzung 200- bis 2.000-mal so stark. Egal welche Zahl stimmt – das Ereignis bleibt die stärkste Explosion aus dem All, die Menschen je aufgezeichnet haben.
Wie groß war die Fläche? Mehr als doppelt so viel wie Berlin
Auf 2.150 km² lag der Wald am Boden – das ist fast zweieinhalbmal die Fläche Berlins. Die Schadenszone hätte also eine ganze Großstadt samt Umland platt gemacht. Die Grafik zeigt die Flächen maßstabsgetreu als gleich große Quadrate.
Die berühmten 80 Millionen Bäume sind keine Zählung, sondern eine grobe Schätzung von 1933. Der Astronom Astapowitsch ging damals von rund 8.000 km² verwüstetem Wald aus – fast viermal mehr als die später kartierte Fläche. Eine Arbeit von Boslough und Bruno (2025) hält die Zahl deshalb für deutlich zu hoch; eine belastbare Neuzählung gibt es nicht.
Kein Tunguska-Krater: warum der Brocken in der Luft zerbarst
Streng genommen war der Tunguska-Einschlag gar keiner: Der Körper explodierte in der Luft, Fachleute sprechen von einem Airburst. Mit vielen Kilometern pro Sekunde prallte er auf immer dichtere Luftschichten. Der Staudruck vor ihm wurde größer, als sein Gestein aushielt, und er brach auseinander.
Dann ging alles in Sekundenbruchteilen: Je kleiner die Bruchstücke, desto stärker bremst die Luft sie ab. Die Bremsenergie wird auf kurzer Strecke frei, die Trümmer zerbrechen weiter und verdampfen. Genau diese schlagartig freigesetzte Energie ist die Explosion.
Die Druckwelle traf den Wald von oben – deshalb blieben die Bäume direkt unter der Explosion stehen. Kulik fand dort eine Zone von rund 8 km Durchmesser mit verkohlten, entasteten Stämmen, die aufrecht standen wie Telegrafenmasten. Weiter außen kam die Welle schräger an und legte die Bäume radial nach außen um.
Aus dem Schmetterlingsmuster der umgestürzten Bäume lässt sich die Flugbahn ablesen. Sowjetische Forscher bauten in den 1960er-Jahren Modellwälder aus Streichhölzern und ließen kleine Sprengladungen schräg darüber explodieren. Das Muster passte zu einem Körper, der in etwa 30 Grad Neigung aus Ost-Südost kam.
Ist der Tscheko-See der Krater? Eher nicht
Italienische Geologen um Luca Gasperini stellten 2007 die These auf, der Tscheko-See sei doch ein Einschlagkrater. Der kleine, schüsselförmige See liegt rund 8 km nordnordwestlich des Explosionszentrums. Ein etwa 10 m großes Bruchstück könnte die Explosion überstanden und dort eingeschlagen haben, so die Idee.
Die Suche nach dem Tunguska-Meteorit: Kuliks Expeditionen ab 1927
Fast 20 Jahre lang hat kein Forscher das Zentrum der Verwüstung betreten. Die Taiga war abgelegen, und Russland steckte in Krieg, Revolution und Bürgerkrieg. Erst der Mineraloge Leonid Kulik machte sich 1921 auf die Suche, kam aber nicht bis ins Zentrum.
Kulik erwartete einen riesigen Eisenmeteoriten – und fand nur umgestürzte Bäume. Mit einheimischen Ewenken als Führern erreichte er 1927 das Zentrum der Verwüstung. Einen Krater gab es dort nicht, nur flache, sumpfige Senken.

Die Krater-Hoffnung hielt sich trotzdem jahrelang. Kulik hielt Dutzende runde Sumpflöcher von 10 bis 50 m für Einschlagtrichter. Als sein Team eines davon, den „Suslow-Trichter“, mühsam trockenlegte, lag am Grund ein alter Baumstumpf – der Trichter war also älter als 1908.
| Jahr | Was passierte |
|---|---|
| 1908 | Explosion am 30. Juni, Berichte nur in Regionalzeitungen |
| 1921 | Kuliks erste Erkundung, er erreicht das Zentrum nicht |
| 1927 | Kulik erreicht das Zentrum: umgestürzter Wald, kein Krater |
| 1928–1939 | Weitere Expeditionen, Zeugenbefragungen, Trockenlegung eines Sumpflochs |
| 1929 | Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ sucht bei seiner Weltfahrt vergeblich nach einem Krater |
| 1938 | Luftbilder bestätigen das radiale Fallmuster der Bäume |
| 1960er | Kartierung der Schadenszone: 2.150 km², Schmetterlingsform |
| 2007 | Tscheko-See als möglicher Krater vorgeschlagen |
| 2013 | Analyse winziger Partikel aus Torfschichten, möglicherweise außerirdisch |
Echte Meteoritenstücke hat bis heute niemand gefunden. In Torf und Boden stießen Forscher nur auf mikroskopische Kügelchen und Partikel, die aus dem All stammen könnten. Das passt zu einem Körper, der fast vollständig verdampft ist – macht es aber schwer, seine Art sicher zu bestimmen.
Asteroid oder Komet: die Theorien zum Tunguska-Ereignis
Dass etwas aus dem All kam, bezweifelt in der Fachwelt kaum jemand – offen ist nur, was genau. Die Debatte dreht sich um die Frage Stein-Asteroid oder Kometenstück. Daneben gibt es eine neuere Außenseiter-These und eine Handvoll Ideen, die du getrost vergessen kannst.
| Theorie | Kernidee | Einschätzung |
|---|---|---|
| Stein-Asteroid | Ein 50 bis 80 m großer Gesteinsbrocken explodiert in 5 bis 10 km Höhe | heute die Mehrheitsmeinung |
| Kometenstück | Ein lockerer Brocken aus Eis und Staub verdampft in der Luft | möglich, erklärt die fehlenden Meteoriten |
| Eisen-Asteroid im Streifschuss | Ein Eisenkörper durchquert die Atmosphäre und fliegt zurück ins All | Außenseiter-These (2020) |
| Erdgas oder Vulkan | Gas aus der Tiefe entzündet sich | passt nicht zu Feuerball und Flugbahn |
| Ufo, Schwarzes Loch, Antimaterie, Tesla | exotische Ursachen | nicht haltbar |
Stein-Asteroid: die wahrscheinlichste Erklärung
Ein Stein-Asteroid erklärt die Höhe der Explosion am besten. Modelle zeigen, dass ein poröser Gesteinsbrocken genau in 5 bis 15 km Höhe zerbricht und dabei fast keine Trümmer übrig lässt. Die Explosion von Tscheljabinsk 2013 hat diese Modelle mit echten Messdaten bestätigt.
Komet: Eis, das spurlos verdampft
Ein Kometenstück würde erklären, warum keine Meteoriten gefunden wurden. Der slowakische Astronom Ľubor Kresák brachte 1978 ein Bruchstück des Kometen Encke ins Spiel. Gegen einen Kometen spricht vor allem, dass so lockeres Material schon viel höher zerfallen sollte.
Eisen-Asteroid im Streifschuss: die These von 2020
Ein russisches Team um Daniil Chrennikow rechnete 2020 durch, ob ein Eisen-Asteroid die Atmosphäre nur gestreift haben könnte. Nach ihren Modellen könnte ein 100 bis 200 m großer Eisenkörper in 10 bis 15 km Mindesthöhe durchgeflogen und mit einem Großteil seiner Masse zurück ins All gelangt sein. Das würde den fehlenden Krater erklären, ist aber eine Minderheitsmeinung ohne direkte Belege.
Gas, Ufo und Co.: warum das nicht passt
Die Erdgas-These scheitert an der Menge: Für mehrere Megatonnen Sprengkraft bräuchte es Millionen Tonnen Gas. Austrittskanäle dafür hat niemand gefunden, und hunderte Zeugen sahen einen Feuerball über den Himmel ziehen – kein Feuer aus dem Boden. Ein Schwarzes Loch, Antimaterie, ein Raumschiff oder Tesla-Experimente sind Spekulationen ohne einen einzigen Befund.
Leuchtende Nächte über Europa: Zeitung lesen um Mitternacht
In den Nächten nach der Explosion wurde es über Europa und Asien nicht richtig dunkel. In London soll man um Mitternacht Zeitung gelesen haben, in Schweden und Schottland gelangen Fotos ohne Blitzlicht. Über den mittleren Breiten Europas zeigten sich silbern leuchtende Wolken von ungewöhnlichem Glanz.
Die wahrscheinlichste Erklärung ist Staub und Eis in großer Höhe, das noch von der Sonne unter dem Horizont angestrahlt wurde. Forscher der Cornell University verglichen das 2009 mit den Wolken, die nach Starts der Space Shuttles entstanden: Deren Abgase lieferten Wasserdampf, der in 80 bis 120 km Höhe gefror. Sie sahen darin ein Indiz für einen Kometen, der viel Wasser mitbrachte.
Tunguska und Tscheljabinsk: zwei Airbursts im Vergleich
Tscheljabinsk 2013 ist der Schlüssel, um Tunguska zu verstehen. Zum ersten Mal wurde ein Airburst über bewohntem Gebiet von tausenden Kameras gefilmt und von Satelliten gemessen. Damit ließen sich die Modelle eichen, mit denen man auch 1908 nachrechnet.
| Merkmal | Tunguska | Tscheljabinsk |
|---|---|---|
| Datum | 30. Juni 1908, ca. 7:14 Uhr | 15. Februar 2013, 9:20 Uhr |
| Größe | rund 50–80 m | rund 20 m |
| Energie | 3–30 Mt (oft 10–15 Mt) | rund 0,5 Mt (440–590 kt) |
| Explosionshöhe | ca. 5–10 km | hellster Punkt ca. 27–30 km |
| Schäden | 2.150 km² Wald, Fenster in 65 km Entfernung | rund 1.500 Verletzte, Glasbruch in Tausenden Gebäuden |
| Meteoriten | keine gesicherten | geschätzt 4–6 t am Boden, größtes Stück über 570 kg |
Quellen: NASA/JPL (2013), Popova u. a., Science (2013), NASA (2019), Sandia (2007).
Tunguska setzte mit den oft genannten 5 bis 15 Megatonnen 10- bis 30-mal mehr Energie frei und kam viel tiefer herunter. Deshalb reichte die Druckwelle dort, um einen ganzen Wald umzulegen. Über einer Stadt wie Tscheljabinsk hätte ein solcher Airburst verheerende Folgen gehabt.
Die meisten Verletzten in Tscheljabinsk entstanden durch Glassplitter. Viele Menschen liefen nach dem hellen Blitz ans Fenster und standen dort, als die Druckwelle mit Verzögerung eintraf. Wie die beiden Ereignisse in die Reihe der großen Einschläge passen, steht in unserem Artikel zum Meteoriteneinschlag.
Wie oft passiert so etwas: Häufigkeit nach Größe
Je größer der Brocken, desto seltener trifft er die Erde. Kleine Feuerkugeln gibt es jedes Jahr, ein Ereignis wie Tunguska dagegen nur sehr selten. Die Zahlen sind langjährige Durchschnittswerte, kein Fahrplan.
| Größe | Folge | Im Schnitt | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Staub und Sandkörner | Sternschnuppen | täglich über 100 t | jede klare Nacht |
| autogroß | helle Feuerkugel, verglüht | etwa einmal pro Jahr | – |
| rund 20 m | Airburst, Glasbruch | etwa alle 100 Jahre | Tscheljabinsk 2013 |
| rund 50–80 m | regionale Verwüstung | alle paar Jahrtausende | Tunguska 1908 |
| Fußballfeld (rund 100 m) | schwere Schäden in der Region | etwa alle 2.000 Jahre | – |
| ab 1–2 km | globale Folgen | alle paar Millionen Jahre | – |
Quellen: NASA Asteroid Fast Facts, NASA/JPL (2013), NASA Ames (2019).
Für Tunguska-Ereignisse sind die Schätzungen in den letzten Jahren deutlich beruhigender geworden. Der Astrogeologe Eugene Shoemaker ging noch von etwa einem Ereignis alle 300 Jahre aus. Das NASA-Team um Robertson und Mathias kam 2019 zu dem Schluss, dass zwischen zwei solchen Explosionen eher Jahrtausende als Jahrhunderte liegen.
Dass es 1908 ausgerechnet menschenleere Taiga traf, ist kein Zufall der Geschichte, sondern Statistik. Rund 70 Prozent der Erde sind Ozean, dazu kommen Wüsten, Eis und dünn besiedelte Wälder. Die meisten Einschläge und Airbursts bleiben deshalb ohne Opfer – viele bemerkt nur ein Messnetz.
So sieht Tunguska heute aus: Wald und Naturschutzgebiet
Mehr als 100 Jahre nach der Explosion ist die Taiga über der Schadenszone wieder nachgewachsen. Ohne Führung würdest du kaum erkennen, dass hier einmal Millionen Bäume am Boden lagen. Spuren gibt es trotzdem: Wachstumsstörungen in den Jahresringen alter Bäume und einzelne verkohlte Stämme.
Seit 1995 steht das Gebiet als Tunguska-Naturschutzgebiet (Sapowednik) unter strengem Schutz. Es umfasst knapp 2.970 km², rund 70 Prozent davon sind Wald. Die Verwaltung sitzt in Wanawara, dem Ort, aus dem 1908 die wichtigsten Augenzeugenberichte kamen.

Asteroid Day und DART: was aus Tunguska gelernt wurde
Der 30. Juni ist seit 2016 der offizielle Internationale Asteroidentag der Vereinten Nationen. Die UN-Generalversammlung wählte bewusst den Jahrestag von Tunguska. Der Asteroid Day soll daran erinnern, dass Einschläge ein reales, aber beherrschbares Risiko sind.
Das Wichtigste ist, einen Brocken früh zu finden. Laut ESA sind über 36.000 erdnahe Objekte bekannt (Stand Ende 2024), rund 1.700 davon stehen auf ihrer Risikoliste. Der Tscheljabinsk-Körper blieb dagegen unentdeckt, weil er aus Richtung der Sonne kam – dort können Teleskope am Boden nicht suchen.
| Mission | Wann | Was | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| DART (NASA) | 26. September 2022 | Sonde rammt den Asteroidenmond Dimorphos | Umlaufzeit um rund 33 Minuten verkürzt |
| Hera (ESA) | Start 7. Oktober 2024 | vermisst Didymos und Dimorphos nach dem Treffer | Ankunft für November 2026 geplant |
DART hat gezeigt, dass man einen Asteroiden mit einem gezielten Aufprall aus der Bahn schubsen kann. Sprengen gilt dagegen als schlechte Idee: Viele Bruchstücke könnten zusammen mehr Schaden anrichten als ein einzelner Brocken. Besser ist eine kleine Bahnänderung Jahre vor der Begegnung.
Wie ernst das Thema ist, zeigte Anfang 2025 der rund 60 m große Asteroid 2024 YR4 – ein Kandidat der Tunguska-Klasse. Seine Einschlagswahrscheinlichkeit für 2032 stieg zeitweise auf 3,1 Prozent, bevor neue Messungen Entwarnung gaben. Die ganze Geschichte steht in unserem Artikel zu Asteroid 2024 YR4.
Feuerkugeln selbst sehen: kleine Verwandte von Tunguska
Einen Tunguska-Brocken wirst du nicht erleben – seine kleinen Verwandten aber schon. Eine Feuerkugel, auch Bolide genannt, ist eine Sternschnuppe, die heller als die Venus leuchtet. Dahinter steckt meist ein Körnchen oder Steinchen, das in 80 bis 120 km Höhe verglüht.
Die besten Chancen hast du in Nächten mit aktiven Meteorströmen und dunklem Himmel. Die Tauriden im Oktober und November sind für langsame, helle Feuerkugeln bekannt, im August kommen die Kappa-Cygniden dazu. Wann welcher Strom läuft und ob der Mond stört, zeigt unser Sternschnuppen-Kalender.
Ein Stück aus dem All kannst du trotzdem in der Hand halten. Echte Meteoriten, etwa Bruchstücke aus Tscheljabinsk oder Wüstenfunde, gibt es mit Zertifikat zu kaufen. Worauf du dabei achten solltest, steht in unserem Ratgeber Meteorit kaufen.
Häufige Fragen zum Tunguska-Ereignis
War Tunguska ein Meteorit oder ein Asteroid?
Nach heutigem Stand ein kleiner Asteroid, vermutlich aus Gestein, rund 50 bis 80 m groß. Ein Meteorit im engeren Sinn ist nur ein Stück, das den Boden erreicht – und genau solche Stücke wurden bei Tunguska nie gefunden. Ein Kometenbruchstück ist nicht ausgeschlossen, gilt aber als weniger wahrscheinlich.
Warum gibt es bei Tunguska keinen Krater?
Weil der Körper in etwa 5 bis 10 km Höhe explodierte und dabei fast vollständig verdampfte. Die Druckwelle hat den Wald umgelegt, aber kein Loch in den Boden geschlagen. Der Tscheko-See wird zwar als möglicher Krater diskutiert, das ist aber umstritten.
Wie stark war Tunguska im Vergleich zur Atombombe?
Die Schätzungen liegen zwischen 3 und 30 Megatonnen TNT, oft genannt werden 10 bis 15 Megatonnen. Die Hiroshima-Bombe hatte rund 15 Kilotonnen. Tunguska war damit je nach Schätzung 200- bis 2.000-mal so stark.
Gab es beim Tunguska-Ereignis Tote?
Sicher belegt sind keine Todesopfer. Das Gebiet war fast unbewohnt, berichtet wurden getötete Rentiere und zerstörte Hütten. Der Meteorforscher Peter Jenniskens hält bis zu drei Todesopfer für möglich.
Kann man einen Tunguska-Meteoriten kaufen?
Nein, jedenfalls keinen echten. Vom Tunguska-Körper wurde nie ein gesichertes Meteoritenstück gefunden, Angebote unter diesem Namen sind daher mit größter Vorsicht zu genießen. Echte Meteoriten von anderen Fällen gibt es dagegen mit Herkunftsnachweis.
Könnte so etwas heute wieder passieren?
Ja, aber selten: Nach neueren NASA-Modellen liegen zwischen zwei Ereignissen dieser Größe eher Jahrtausende als Jahrhunderte. Die meisten würden über Meer oder unbewohntem Land stattfinden. Anders als 1908 suchen heute Teleskope gezielt nach solchen Objekten, und mit DART wurde eine Abwehrmethode erfolgreich getestet.