Tunguska-Ereignis 1908: Die Explosion über Sibirien erklärt

Von · Aktualisiert am

Das Tunguska-Ereignis war eine gewaltige Explosion über der sibirischen Taiga am 30. Juni 1908 gegen 7:14 Uhr Ortszeit: Ein rund 50 bis 80 m großer Brocken aus dem All zerbarst in etwa 5 bis 10 km Höhe und knickte auf 2.150 km² den Wald um – ohne Krater und ohne gesicherten Meteoriten.

⭐ Kurz gesagt: Tunguska ist der größte Einschlag aus dem All in der dokumentierten Geschichte – und kein echtes Rätsel mehr. Fast alle Fachleute gehen von einem kleinen Stein-Asteroiden aus, der in der Luft explodierte; ein Kometenstück ist die zweite ernsthafte Möglichkeit. Ufos, Gasblasen oder Tesla-Experimente halten den Befunden nicht stand. Ereignisse dieser Größe sind selten, nach neueren Modellen eher alle paar Jahrtausende als alle paar Jahrhunderte.
Umgestürzte und kahle Baumstämme im Tunguska-Gebiet auf einem historischen Schwarz-Weiß-Foto von 1929
Noch 21 Jahre nach der Explosion lagen die Bäume so, wie die Druckwelle sie umgeworfen hatte: Foto der Expedition von Leonid Kulik, Mai 1929. Bild: Leonid Kulik, gemeinfrei (Wikimedia Commons)

Was geschah am 30. Juni 1908: ein Morgen in der Taiga

Kurz nach 7 Uhr morgens zog ein bläulich-weißer Feuerball über Mittelsibirien, fast so hell wie die Sonne. Über dem Gebiet der Steinigen Tunguska, eines Nebenflusses des Jenissei, folgten ein greller Blitz und eine Feuersäule. Minuten später rollte ein Donner wie Artilleriefeuer über das Land.

Im Handelsposten Wanawara, rund 65 km südlich, riss die Druckwelle Menschen um und drückte Fenster und Türen ein. Ein Bewohner berichtete später Kuliks Expedition, er sei vom Stuhl geschleudert worden und habe eine Hitze gespürt, als würde sein Hemd brennen. Weil die Gegend fast menschenleer war, blieb es bei Schäden an wenigen Hütten und getöteten Rentieren.

Gemessen wurde die Explosion noch Tausende Kilometer entfernt. Seismographen in Irkutsk registrierten die Erschütterung, und die Luftdruckwelle erreichte nach 4 Stunden und 42 Minuten die Barographen in Potsdam, rund 5.000 km weit weg. Dort tauchte sie nach einer vollen Erdumrundung ein zweites Mal auf.

17. oder 30. Juni? Russland rechnete 1908 noch mit dem julianischen Kalender. Der 17. Juni alter Zählung ist derselbe Tag wie der 30. Juni nach unserem Kalender – deshalb tauchen in alten Quellen beide Daten auf. In Weltzeit war es kurz nach 0:14 Uhr, in Deutschland also noch mitten in der Nacht.

Tunguska-Explosion in Zahlen: Energie, Höhe, Fläche

Beim Tunguska-Ereignis – international „Tunguska Event“ – gehen die Zahlen weit auseinander. Niemand hat 1908 gemessen, wie groß der Körper war oder wie hoch er explodierte. Alle Werte sind Rückrechnungen aus umgeknickten Bäumen, Druckwellen-Aufzeichnungen und Computermodellen.

MerkmalWertAnmerkung
Datum und Uhrzeit30. Juni 1908, ca. 7:14 Uhr Ortszeit0:14 Uhr Weltzeit; julianisch 17. Juni
OrtSteinige Tunguska, heute Region Krasnojarsk60° 53′ N, 101° 54′ O
Größe des Körpersrund 50 bis 80 mältere Schätzungen 30 bis 100 m
Explosionshöheetwa 5 bis 10 kmModelle reichen bis 15 km
Energie3 bis 30 Megatonnen TNToft zitiert: 10 bis 15 Mt
Umgeknickter Wald2.150 km²Schmetterlingsform, 70 km breit, 55 km lang
Umgeknickte Bäumeoft genannt: 80 Millionenalte Hochrechnung, vermutlich deutlich zu hoch
KraterkeinerTscheko-See als Krater umstritten
Todesopferkeine sicher belegtbis zu drei gelten als möglich

Quellen: Wikipedia (Tunguska-Ereignis/Tunguska event), NASA (2019), Sandia National Laboratories (2007), Boslough & Bruno (2025), Jenniskens (2019).

Wie stark war die Explosion? Drei bis dreißig Megatonnen

Die älteren Schätzungen von 10 bis 15 Megatonnen stammen aus Vergleichen mit Atombombentests. Diese Rechnung behandelt die Explosion als Punkt in der Luft. Eine Megatonne entspricht der Sprengkraft von einer Million Tonnen TNT.

Das Sandia-Labor kam 2007 mit Supercomputer-Simulationen auf nur 3 bis 5 Megatonnen. Der Grund: Ein Feuerball, der mit hoher Geschwindigkeit nach unten weiterzieht, trägt seine Energie näher an den Boden und richtet mit weniger Sprengkraft mehr Schaden an. Ein NASA-Team kam 2019 dagegen auf 10 bis 30 Megatonnen und einen Körper von 50 bis 80 m.

Zum Vergleich: Die Hiroshima-Bombe hatte rund 15 Kilotonnen. Tunguska war also je nach Schätzung 200- bis 2.000-mal so stark. Egal welche Zahl stimmt – das Ereignis bleibt die stärkste Explosion aus dem All, die Menschen je aufgezeichnet haben.

Wie groß war die Fläche? Mehr als doppelt so viel wie Berlin

Auf 2.150 km² lag der Wald am Boden – das ist fast zweieinhalbmal die Fläche Berlins. Die Schadenszone hätte also eine ganze Großstadt samt Umland platt gemacht. Die Grafik zeigt die Flächen maßstabsgetreu als gleich große Quadrate.

Umgeknickter Wald im Flächenvergleichflächentreue Quadrate, gleicher MaßstabTunguska1908Berlin891 km²Tunguska-Schadenszone2.150 km²Saarland2.570 km²Die echte Schadenszone hatte die Form eines Schmetterlings (70 × 55 km).
Die Tunguska-Schadenszone ist fast zweieinhalbmal so groß wie Berlin und nur wenig kleiner als das Saarland. Flächen: Statistische Ämter des Bundes und der Länder; Tunguska nach Boyarkina u. a. (1964). Grafik: sterngucker.de

Die berühmten 80 Millionen Bäume sind keine Zählung, sondern eine grobe Schätzung von 1933. Der Astronom Astapowitsch ging damals von rund 8.000 km² verwüstetem Wald aus – fast viermal mehr als die später kartierte Fläche. Eine Arbeit von Boslough und Bruno (2025) hält die Zahl deshalb für deutlich zu hoch; eine belastbare Neuzählung gibt es nicht.

Kein Tunguska-Krater: warum der Brocken in der Luft zerbarst

Streng genommen war der Tunguska-Einschlag gar keiner: Der Körper explodierte in der Luft, Fachleute sprechen von einem Airburst. Mit vielen Kilometern pro Sekunde prallte er auf immer dichtere Luftschichten. Der Staudruck vor ihm wurde größer, als sein Gestein aushielt, und er brach auseinander.

Dann ging alles in Sekundenbruchteilen: Je kleiner die Bruchstücke, desto stärker bremst die Luft sie ab. Die Bremsenergie wird auf kurzer Strecke frei, die Trümmer zerbrechen weiter und verdampfen. Genau diese schlagartig freigesetzte Energie ist die Explosion.

Wie hoch explodierten die Brocken?0 km51015202530358,8 km10–12 km5–10 km27–30 kmEverestFlugzeugTunguskaTscheljabinskReiseflughöhe19082013, hellster Punkt
Der Tunguska-Körper kam viel tiefer herunter als der von Tscheljabinsk – ungefähr bis auf die Höhe, in der Verkehrsflugzeuge fliegen. Daten: Wikipedia/NASA (Tunguska), Popova u. a. 2013 (Tscheljabinsk). Grafik: sterngucker.de

Die Druckwelle traf den Wald von oben – deshalb blieben die Bäume direkt unter der Explosion stehen. Kulik fand dort eine Zone von rund 8 km Durchmesser mit verkohlten, entasteten Stämmen, die aufrecht standen wie Telegrafenmasten. Weiter außen kam die Welle schräger an und legte die Bäume radial nach außen um.

Aus dem Schmetterlingsmuster der umgestürzten Bäume lässt sich die Flugbahn ablesen. Sowjetische Forscher bauten in den 1960er-Jahren Modellwälder aus Streichhölzern und ließen kleine Sprengladungen schräg darüber explodieren. Das Muster passte zu einem Körper, der in etwa 30 Grad Neigung aus Ost-Südost kam.

Ist der Tscheko-See der Krater? Eher nicht

Italienische Geologen um Luca Gasperini stellten 2007 die These auf, der Tscheko-See sei doch ein Einschlagkrater. Der kleine, schüsselförmige See liegt rund 8 km nordnordwestlich des Explosionszentrums. Ein etwa 10 m großes Bruchstück könnte die Explosion überstanden und dort eingeschlagen haben, so die Idee.

Umstritten: Andere Kraterforscher widersprachen sofort. Eine russische Untersuchung von 2017 datiert den See auf mindestens 280 Jahre – er wäre damit älter als das Ereignis. Solange im See kein Meteoritenmaterial gefunden wird, bleibt der Tscheko-See eine Hypothese, kein Beweis.

Die Suche nach dem Tunguska-Meteorit: Kuliks Expeditionen ab 1927

Fast 20 Jahre lang hat kein Forscher das Zentrum der Verwüstung betreten. Die Taiga war abgelegen, und Russland steckte in Krieg, Revolution und Bürgerkrieg. Erst der Mineraloge Leonid Kulik machte sich 1921 auf die Suche, kam aber nicht bis ins Zentrum.

Kulik erwartete einen riesigen Eisenmeteoriten – und fand nur umgestürzte Bäume. Mit einheimischen Ewenken als Führern erreichte er 1927 das Zentrum der Verwüstung. Einen Krater gab es dort nicht, nur flache, sumpfige Senken.

Historisches Schwarz-Weiß-Foto der sumpfigen Senken im Zentrum des Tunguska-Gebiets
Statt eines Kraters fand Kulik im Zentrum nur Sümpfe und flache Senken. Foto aus den Expeditionen 1927–1930, veröffentlicht 1931 in „Wokrug Sweta“, gemeinfrei (Wikimedia Commons)

Die Krater-Hoffnung hielt sich trotzdem jahrelang. Kulik hielt Dutzende runde Sumpflöcher von 10 bis 50 m für Einschlagtrichter. Als sein Team eines davon, den „Suslow-Trichter“, mühsam trockenlegte, lag am Grund ein alter Baumstumpf – der Trichter war also älter als 1908.

JahrWas passierte
1908Explosion am 30. Juni, Berichte nur in Regionalzeitungen
1921Kuliks erste Erkundung, er erreicht das Zentrum nicht
1927Kulik erreicht das Zentrum: umgestürzter Wald, kein Krater
1928–1939Weitere Expeditionen, Zeugenbefragungen, Trockenlegung eines Sumpflochs
1929Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ sucht bei seiner Weltfahrt vergeblich nach einem Krater
1938Luftbilder bestätigen das radiale Fallmuster der Bäume
1960erKartierung der Schadenszone: 2.150 km², Schmetterlingsform
2007Tscheko-See als möglicher Krater vorgeschlagen
2013Analyse winziger Partikel aus Torfschichten, möglicherweise außerirdisch

Echte Meteoritenstücke hat bis heute niemand gefunden. In Torf und Boden stießen Forscher nur auf mikroskopische Kügelchen und Partikel, die aus dem All stammen könnten. Das passt zu einem Körper, der fast vollständig verdampft ist – macht es aber schwer, seine Art sicher zu bestimmen.

Asteroid oder Komet: die Theorien zum Tunguska-Ereignis

Dass etwas aus dem All kam, bezweifelt in der Fachwelt kaum jemand – offen ist nur, was genau. Die Debatte dreht sich um die Frage Stein-Asteroid oder Kometenstück. Daneben gibt es eine neuere Außenseiter-These und eine Handvoll Ideen, die du getrost vergessen kannst.

TheorieKernideeEinschätzung
Stein-AsteroidEin 50 bis 80 m großer Gesteinsbrocken explodiert in 5 bis 10 km Höheheute die Mehrheitsmeinung
KometenstückEin lockerer Brocken aus Eis und Staub verdampft in der Luftmöglich, erklärt die fehlenden Meteoriten
Eisen-Asteroid im StreifschussEin Eisenkörper durchquert die Atmosphäre und fliegt zurück ins AllAußenseiter-These (2020)
Erdgas oder VulkanGas aus der Tiefe entzündet sichpasst nicht zu Feuerball und Flugbahn
Ufo, Schwarzes Loch, Antimaterie, Teslaexotische Ursachennicht haltbar

Stein-Asteroid: die wahrscheinlichste Erklärung

Ein Stein-Asteroid erklärt die Höhe der Explosion am besten. Modelle zeigen, dass ein poröser Gesteinsbrocken genau in 5 bis 15 km Höhe zerbricht und dabei fast keine Trümmer übrig lässt. Die Explosion von Tscheljabinsk 2013 hat diese Modelle mit echten Messdaten bestätigt.

Komet: Eis, das spurlos verdampft

Ein Kometenstück würde erklären, warum keine Meteoriten gefunden wurden. Der slowakische Astronom Ľubor Kresák brachte 1978 ein Bruchstück des Kometen Encke ins Spiel. Gegen einen Kometen spricht vor allem, dass so lockeres Material schon viel höher zerfallen sollte.

Eisen-Asteroid im Streifschuss: die These von 2020

Ein russisches Team um Daniil Chrennikow rechnete 2020 durch, ob ein Eisen-Asteroid die Atmosphäre nur gestreift haben könnte. Nach ihren Modellen könnte ein 100 bis 200 m großer Eisenkörper in 10 bis 15 km Mindesthöhe durchgeflogen und mit einem Großteil seiner Masse zurück ins All gelangt sein. Das würde den fehlenden Krater erklären, ist aber eine Minderheitsmeinung ohne direkte Belege.

Gas, Ufo und Co.: warum das nicht passt

Die Erdgas-These scheitert an der Menge: Für mehrere Megatonnen Sprengkraft bräuchte es Millionen Tonnen Gas. Austrittskanäle dafür hat niemand gefunden, und hunderte Zeugen sahen einen Feuerball über den Himmel ziehen – kein Feuer aus dem Boden. Ein Schwarzes Loch, Antimaterie, ein Raumschiff oder Tesla-Experimente sind Spekulationen ohne einen einzigen Befund.

Woher kommt der Ufo-Mythos? Aus der Science-Fiction. Der sowjetische Autor Alexander Kasanzew veröffentlichte 1946 die Kurzgeschichte „Explosion“, in der ein außerirdisches Raumschiff mit Atomantrieb über der Tunguska explodiert. Die Idee verselbstständigte sich – mit Physik hat sie nichts zu tun. Mehr über die Unterschiede zwischen Asteroiden und Kometen findest du in unseren Überblicksseiten.

Leuchtende Nächte über Europa: Zeitung lesen um Mitternacht

In den Nächten nach der Explosion wurde es über Europa und Asien nicht richtig dunkel. In London soll man um Mitternacht Zeitung gelesen haben, in Schweden und Schottland gelangen Fotos ohne Blitzlicht. Über den mittleren Breiten Europas zeigten sich silbern leuchtende Wolken von ungewöhnlichem Glanz.

Die wahrscheinlichste Erklärung ist Staub und Eis in großer Höhe, das noch von der Sonne unter dem Horizont angestrahlt wurde. Forscher der Cornell University verglichen das 2009 mit den Wolken, die nach Starts der Space Shuttles entstanden: Deren Abgase lieferten Wasserdampf, der in 80 bis 120 km Höhe gefror. Sie sahen darin ein Indiz für einen Kometen, der viel Wasser mitbrachte.

Heute selbst sehen: Die Wolken von 1908 erinnern stark an leuchtende Nachtwolken, die du in Deutschland von Ende Mai bis Mitte August am Nordhorizont sehen kannst. Ende Juni ist ohnehin ihre Hauptsaison – ungewöhnlich war 1908 die Helligkeit. Ob es wirklich derselbe Wolkentyp war, lässt sich im Nachhinein nicht beweisen.

Tunguska und Tscheljabinsk: zwei Airbursts im Vergleich

Tscheljabinsk 2013 ist der Schlüssel, um Tunguska zu verstehen. Zum ersten Mal wurde ein Airburst über bewohntem Gebiet von tausenden Kameras gefilmt und von Satelliten gemessen. Damit ließen sich die Modelle eichen, mit denen man auch 1908 nachrechnet.

MerkmalTunguskaTscheljabinsk
Datum30. Juni 1908, ca. 7:14 Uhr15. Februar 2013, 9:20 Uhr
Größerund 50–80 mrund 20 m
Energie3–30 Mt (oft 10–15 Mt)rund 0,5 Mt (440–590 kt)
Explosionshöheca. 5–10 kmhellster Punkt ca. 27–30 km
Schäden2.150 km² Wald, Fenster in 65 km Entfernungrund 1.500 Verletzte, Glasbruch in Tausenden Gebäuden
Meteoritenkeine gesichertengeschätzt 4–6 t am Boden, größtes Stück über 570 kg

Quellen: NASA/JPL (2013), Popova u. a., Science (2013), NASA (2019), Sandia (2007).

Tunguska setzte mit den oft genannten 5 bis 15 Megatonnen 10- bis 30-mal mehr Energie frei und kam viel tiefer herunter. Deshalb reichte die Druckwelle dort, um einen ganzen Wald umzulegen. Über einer Stadt wie Tscheljabinsk hätte ein solcher Airburst verheerende Folgen gehabt.

Die meisten Verletzten in Tscheljabinsk entstanden durch Glassplitter. Viele Menschen liefen nach dem hellen Blitz ans Fenster und standen dort, als die Druckwelle mit Verzögerung eintraf. Wie die beiden Ereignisse in die Reihe der großen Einschläge passen, steht in unserem Artikel zum Meteoriteneinschlag.

Wie oft passiert so etwas: Häufigkeit nach Größe

Je größer der Brocken, desto seltener trifft er die Erde. Kleine Feuerkugeln gibt es jedes Jahr, ein Ereignis wie Tunguska dagegen nur sehr selten. Die Zahlen sind langjährige Durchschnittswerte, kein Fahrplan.

GrößeFolgeIm SchnittBeispiel
Staub und SandkörnerSternschnuppentäglich über 100 tjede klare Nacht
autogroßhelle Feuerkugel, verglühtetwa einmal pro Jahr–
rund 20 mAirburst, Glasbruchetwa alle 100 JahreTscheljabinsk 2013
rund 50–80 mregionale Verwüstungalle paar JahrtausendeTunguska 1908
Fußballfeld (rund 100 m)schwere Schäden in der Regionetwa alle 2.000 Jahre–
ab 1–2 kmglobale Folgenalle paar Millionen Jahre–

Quellen: NASA Asteroid Fast Facts, NASA/JPL (2013), NASA Ames (2019).

Für Tunguska-Ereignisse sind die Schätzungen in den letzten Jahren deutlich beruhigender geworden. Der Astrogeologe Eugene Shoemaker ging noch von etwa einem Ereignis alle 300 Jahre aus. Das NASA-Team um Robertson und Mathias kam 2019 zu dem Schluss, dass zwischen zwei solchen Explosionen eher Jahrtausende als Jahrhunderte liegen.

Dass es 1908 ausgerechnet menschenleere Taiga traf, ist kein Zufall der Geschichte, sondern Statistik. Rund 70 Prozent der Erde sind Ozean, dazu kommen Wüsten, Eis und dünn besiedelte Wälder. Die meisten Einschläge und Airbursts bleiben deshalb ohne Opfer – viele bemerkt nur ein Messnetz.

So sieht Tunguska heute aus: Wald und Naturschutzgebiet

Mehr als 100 Jahre nach der Explosion ist die Taiga über der Schadenszone wieder nachgewachsen. Ohne Führung würdest du kaum erkennen, dass hier einmal Millionen Bäume am Boden lagen. Spuren gibt es trotzdem: Wachstumsstörungen in den Jahresringen alter Bäume und einzelne verkohlte Stämme.

Seit 1995 steht das Gebiet als Tunguska-Naturschutzgebiet (Sapowednik) unter strengem Schutz. Es umfasst knapp 2.970 km², rund 70 Prozent davon sind Wald. Die Verwaltung sitzt in Wanawara, dem Ort, aus dem 1908 die wichtigsten Augenzeugenberichte kamen.

Probe eines vom Tunguska-Ereignis angesengten Baumstamms in einer Museumsvitrine
Eine der sichtbaren Spuren von 1908: Probe eines angesengten Baumstamms im Museum der Staatlichen Universität Moskau. Bild: Artyom Svetlov, CC BY 4.0 (Wikimedia Commons)
Kann man hinfahren? Nur eingeschränkt. Das Schutzgebiet ist für die Allgemeinheit weitgehend gesperrt; zum Explosionsort führen einige Öko-Tourismus-Routen, für die du vorab eine Genehmigung brauchst. Rechne mit tagelanger Anreise über Krasnojarsk und Wanawara – und prüfe vor jeder Planung die aktuellen Reisehinweise des Auswärtigen Amts.

Asteroid Day und DART: was aus Tunguska gelernt wurde

Der 30. Juni ist seit 2016 der offizielle Internationale Asteroidentag der Vereinten Nationen. Die UN-Generalversammlung wählte bewusst den Jahrestag von Tunguska. Der Asteroid Day soll daran erinnern, dass Einschläge ein reales, aber beherrschbares Risiko sind.

Das Wichtigste ist, einen Brocken früh zu finden. Laut ESA sind über 36.000 erdnahe Objekte bekannt (Stand Ende 2024), rund 1.700 davon stehen auf ihrer Risikoliste. Der Tscheljabinsk-Körper blieb dagegen unentdeckt, weil er aus Richtung der Sonne kam – dort können Teleskope am Boden nicht suchen.

MissionWannWasErgebnis
DART (NASA)26. September 2022Sonde rammt den Asteroidenmond DimorphosUmlaufzeit um rund 33 Minuten verkürzt
Hera (ESA)Start 7. Oktober 2024vermisst Didymos und Dimorphos nach dem TrefferAnkunft für November 2026 geplant

DART hat gezeigt, dass man einen Asteroiden mit einem gezielten Aufprall aus der Bahn schubsen kann. Sprengen gilt dagegen als schlechte Idee: Viele Bruchstücke könnten zusammen mehr Schaden anrichten als ein einzelner Brocken. Besser ist eine kleine Bahnänderung Jahre vor der Begegnung.

Wie ernst das Thema ist, zeigte Anfang 2025 der rund 60 m große Asteroid 2024 YR4 – ein Kandidat der Tunguska-Klasse. Seine Einschlagswahrscheinlichkeit für 2032 stieg zeitweise auf 3,1 Prozent, bevor neue Messungen Entwarnung gaben. Die ganze Geschichte steht in unserem Artikel zu Asteroid 2024 YR4.

Feuerkugeln selbst sehen: kleine Verwandte von Tunguska

Einen Tunguska-Brocken wirst du nicht erleben – seine kleinen Verwandten aber schon. Eine Feuerkugel, auch Bolide genannt, ist eine Sternschnuppe, die heller als die Venus leuchtet. Dahinter steckt meist ein Körnchen oder Steinchen, das in 80 bis 120 km Höhe verglüht.

Die besten Chancen hast du in Nächten mit aktiven Meteorströmen und dunklem Himmel. Die Tauriden im Oktober und November sind für langsame, helle Feuerkugeln bekannt, im August kommen die Kappa-Cygniden dazu. Wann welcher Strom läuft und ob der Mond stört, zeigt unser Sternschnuppen-Kalender.

Feuerkugel gesehen? Notier sofort Uhrzeit, Himmelsrichtung, Start- und Endpunkt und wie lange sie sichtbar war. Melde die Sichtung bei der International Meteor Organization über deren Feuerkugel-Formular – aus vielen Meldungen lässt sich die Bahn berechnen. Mit Bahndaten aus Kameranetzen wurde zum Beispiel der Meteorit Neuschwanstein gefunden. Ein Fernglas oder Teleskop brauchst du dafür nicht: Feuerkugeln siehst du nur mit bloßem Auge und weitem Blick.

Ein Stück aus dem All kannst du trotzdem in der Hand halten. Echte Meteoriten, etwa Bruchstücke aus Tscheljabinsk oder Wüstenfunde, gibt es mit Zertifikat zu kaufen. Worauf du dabei achten solltest, steht in unserem Ratgeber Meteorit kaufen.

Häufige Fragen zum Tunguska-Ereignis

War Tunguska ein Meteorit oder ein Asteroid?

Nach heutigem Stand ein kleiner Asteroid, vermutlich aus Gestein, rund 50 bis 80 m groß. Ein Meteorit im engeren Sinn ist nur ein Stück, das den Boden erreicht – und genau solche Stücke wurden bei Tunguska nie gefunden. Ein Kometenbruchstück ist nicht ausgeschlossen, gilt aber als weniger wahrscheinlich.

Warum gibt es bei Tunguska keinen Krater?

Weil der Körper in etwa 5 bis 10 km Höhe explodierte und dabei fast vollständig verdampfte. Die Druckwelle hat den Wald umgelegt, aber kein Loch in den Boden geschlagen. Der Tscheko-See wird zwar als möglicher Krater diskutiert, das ist aber umstritten.

Wie stark war Tunguska im Vergleich zur Atombombe?

Die Schätzungen liegen zwischen 3 und 30 Megatonnen TNT, oft genannt werden 10 bis 15 Megatonnen. Die Hiroshima-Bombe hatte rund 15 Kilotonnen. Tunguska war damit je nach Schätzung 200- bis 2.000-mal so stark.

Gab es beim Tunguska-Ereignis Tote?

Sicher belegt sind keine Todesopfer. Das Gebiet war fast unbewohnt, berichtet wurden getötete Rentiere und zerstörte Hütten. Der Meteorforscher Peter Jenniskens hält bis zu drei Todesopfer für möglich.

Kann man einen Tunguska-Meteoriten kaufen?

Nein, jedenfalls keinen echten. Vom Tunguska-Körper wurde nie ein gesichertes Meteoritenstück gefunden, Angebote unter diesem Namen sind daher mit größter Vorsicht zu genießen. Echte Meteoriten von anderen Fällen gibt es dagegen mit Herkunftsnachweis.

Könnte so etwas heute wieder passieren?

Ja, aber selten: Nach neueren NASA-Modellen liegen zwischen zwei Ereignissen dieser Größe eher Jahrtausende als Jahrhunderte. Die meisten würden über Meer oder unbewohntem Land stattfinden. Anders als 1908 suchen heute Teleskope gezielt nach solchen Objekten, und mit DART wurde eine Abwehrmethode erfolgreich getestet.