
Von Alexander Merz · Aktualisiert am · Angaben geprüft am 14. September 2026
Das Sternbild Jungfrau ist das zweitgrößte Sternbild des Himmels und eines der Sternbilder der Ekliptik (astronomisch gedachte Sonnenlauflinie). Es gilt als antikes Symbol der Fruchtbarkeit und der Gerechtigkeit. Seine Nachbarschaft zum Sternbild Waage ist nach mythologischer Anordnung kein Zufall. Westlich schließt das Sternbild Löwe an, das im Frühling vor der Jungfrau kulminiert. Deep Sky-Beobachter halten im Frühjahr zwischen den Sternen der Konstellation nach einer gewaltigen Galaxienansammlung Ausschau, dem Virgo-Galaxienhaufen mit geschätzten 2.000 Galaxien.
Orientierung am und Beobachtung im Sternbild Jungfrau
Neben ihrer antiken Bedeutung für die Reisenavigation haben sämtliche klassischen Sternbilder, zu denen auch das Sternbild Jungfrau gehört, häufig unterschiedlichen Symbolcharakter. So wurde »Mul Ab. Sin« (Ackerfurche) bzw. Šala (»Gott oder Göttin die Kornähre«, heute Name des Sterns Spica) erstmals in mesopotamischen Aufzeichnungen in Verbindung zum »Himmelsjahr« für den Ackerbau um 2.700 v. Chr. erwähnt. Des Weiteren verschob sich der »heliakische Aufgang« auf der Ekliptik nach diesen Schriften zwischen 2.700 und 1.900 v. Chr. um eine Woche nach hinten. Unter den lohnenswerten Deep Sky-Objekten befinden sich Galaxien, eine ganze Reihe Doppelsterne, Veränderliche und Mehrfachsternensysteme.
Der hellste Stern des Sternbilds Jungfrau ist Spica (mesopotamisch: Göttin Schala, die Kornähre), ein bedeckungsveränderlicher Doppelstern und ursprünglicher Namensgeber des ganzen Sternbilds. Wer sich für Deep Sky-Beobachtungen nach dem hellen Virgo-Hauptstern umsieht, folgt hierfür der Deichselverlängerung des »Großen Wagens« über »Arcturus« (Hauptstern im Bärenhüter) in Richtung Ekliptik. Viele der Virgo-Galaxien sind bereits mit bloßem Auge als neblige Flecke zwischen den Sternen der Konstellation erkennbar.
Mythologische Deutungen der Jungfrau
Die erste überlieferte Legende zum Sternbild Jungfrau stammt aus Mesopotamien und erzählt davon, dass Inanna (sumerische Göttin) den Himmelsstier als strafendes Element zur Erde schickte. Hier diente er außerdem als Regenbringer und Pflug-Ochse. Später erzählten die Griechen ihren eigenen Mythos um das Sternbild der Ekliptik. So zeigt eine ihrer Deutungen die Konstellation als Persephone, die spätere Braut des Hades. An viele Fragmente dieser und weiterer Erzählungen erinnern die klassischen Eigennamen einiger Sterne der »Jungfrau«.
Die seit ca. 350 Jahren bekannten nebligen Deep Sky-Objekte kannten die Astronomen der Antike noch nicht. Dass die vielen damals im Sternbild Jungfrau entdeckten Galaxien miteinander in einem Zusammenhang stehen könnten, erkannte Messier bei der Zusammenstellung seines bekannten »Messier-Katalogs«.
M49 und der Virgo-Galaxienhaufen
Die Jungfrau ist das Sternbild mit den meisten Galaxien am ganzen Himmel. Hier steht der Virgo-Galaxienhaufen mit rund 2.000 Galaxien in etwa 55 Millionen Lichtjahren Entfernung – das Zentrum jenes Superhaufens, an dessen Rand auch unsere Milchstraße hängt. Wer mit einem Teleskop ab 15 Zentimetern Öffnung unter dunklem Himmel durch diese Gegend schwenkt, stößt alle paar Bogenminuten auf einen schwachen ovalen Fleck.
M49 ist die hellste Galaxie dieses Haufens und war die erste elliptische Galaxie, die man überhaupt in der Jungfrau fand. Elliptisch heißt: keine Spiralarme, keine Scheibe, sondern ein gleichmäßig ovaler Sternball ohne erkennbare Struktur – im Okular deshalb ein diffuser Lichtfleck, der zum Rand hin sanft ausläuft.
Solche Riesengalaxien sind vermutlich groß geworden, indem sie kleinere Nachbarn verschluckt haben. Dafür sprechen zwei Beobachtungen: Erstens umgibt M49 ein ausgedehnter Hof aus geschätzt 6.000 bis 7.000 Kugelsternhaufen – weit mehr als die rund 150 der Milchstraße, und viele davon dürften von einverleibten Galaxien stammen. Zweitens sind die Sterne in diesen Haufen mit rund 10 Milliarden Jahren sehr alt. Im Zentrum sitzt ein supermassives Schwarzes Loch, dessen Existenz 2009 bestätigt wurde; 2011 kam der Verdacht auf einen zweiten solchen Kern auf – ein Muster, das man bei mehreren Riesengalaxien des Haufens kennt und das gut zur Verschmelzungs-Geschichte passt. 1969 wurde in M49 eine Supernova beobachtet.
