Lagrange-Punkte einfach erklärt: L1 bis L5, Entfernung und Missionen

Von · Aktualisiert am · Angaben geprüft am 1. Oktober 2026

Lagrange-Punkte sind fünf Stellen im Schwerefeld zweier Himmelskörper, an denen ein kleiner dritter Körper mit ihnen im Gleichtakt umläuft, etwa ein Satellit im System Sonne–Erde. Dort heben sich Anziehung und Fliehkraft genau auf.

Mehr dazu im Überblick: Astronomie-Wissen.

⭐ Kurz gesagt: Es gibt in jedem Zweierpaar fünf Lagrange-Punkte, L1 bis L5. L1 und L2 liegen je rund 1,5 Millionen km von der Erde entfernt und sind die beliebtesten Parkplätze der Raumfahrt, etwa für das James-Webb-Teleskop. L1 bis L3 sind instabil, L4 und L5 stabil – dort sammeln sich sogar Asteroiden.
Lage des Lagrange-Punkts L2 hinter der Erde, von der Sonne aus gesehen
Der Lagrange-Punkt L2 liegt rund 1,5 Millionen km hinter der Erde. Dort kreist das James-Webb-Teleskop.

Die fünf Lagrange-Punkte

Drei Punkte liegen auf der Verbindungslinie der beiden Körper, zwei bilden mit ihnen ein gleichseitiges Dreieck. Die Tabelle zeigt sie für Sonne und Erde.

PunktLage (Sonne–Erde)Stabil?Bekannt durch
L1rund 1,5 Mio. km vor der Erde, Richtung SonneneinSOHO, DSCOVR, Aditya-L1
L2rund 1,5 Mio. km hinter der Erde, von der Sonne wegneinJames Webb, Gaia, Euclid
L3gegenüber der Erde, hinter der SonneneinScience-Fiction („Gegenerde“)
L4auf der Erdbahn, 60° vor der ErdejaErd-Trojaner 2010 TK7
L5auf der Erdbahn, 60° hinter der Erdejabisher kein Objekt bestätigt
Sonne Erde L1 L2 L3 L4 (60° voraus) L5 (60° hinterher) orange = instabil · grün = stabil · nicht maßstäblich
Die fünf Lagrange-Punkte von Sonne und Erde. L1 bis L3 liegen auf einer Linie, L4 und L5 bilden mit Sonne und Erde je ein gleichseitiges Dreieck. Eigene Grafik, nicht maßstäblich.

1,5 Millionen km sind etwa die vierfache Entfernung zum Mond und nur rund 1 % des Abstands zur Sonne. L3 liegt dagegen fast 300 Millionen km von der Erde entfernt, auf der anderen Seite der Sonne.

Einfach erklärt: warum es klappt

Ein Körper, der näher an der Sonne kreist als die Erde, ist eigentlich schneller als sie – so will es das dritte Keplersche Gesetz. Am Punkt L1 zieht die Erde aber in die Gegenrichtung und bremst ihn genau so weit, dass er mit ihr Schritt hält.

Hinter der Erde, bei L2, ist es umgekehrt: Allein wäre ein Körper dort zu langsam. Sonne und Erde ziehen nun in dieselbe Richtung, und ihre gemeinsame Kraft reicht genau für einen Umlauf in einem Jahr.

Tipp zum Vorstellen: Denk an einen Karussellsitz, der nicht festgeschraubt ist. An fünf Stellen bleibt er von selbst mit dem Karussell in einer Linie – an drei davon kippt er beim kleinsten Stoß weg, an zwei pendelt er zurück.

Welche Punkte sind stabil?

L1, L2 und L3 sind instabil: Sie liegen auf Sätteln des Schwerefelds. Ein Satellit, der etwas abweicht, driftet immer weiter weg und muss regelmäßig mit kleinen Schüben korrigieren.

L4 und L5 sind stabil, solange der größere Körper mindestens rund 25-mal so schwer ist wie der kleinere. Sonne und Erde (Faktor rund 333.000), Sonne und Jupiter (rund 1.000) und auch Erde und Mond (rund 81) erfüllen das mühelos.

Lagrange-Punkte mit Linien gleichen Potenzials im System Sonne–Erde
Linien gleichen Potenzials: L4 und L5 liegen auf „Hügeln“, L1 bis L3 auf Sätteln.1
Häufiger Irrtum: Ein Satellit „steht“ nicht im Lagrange-Punkt. Er kreist auf einer großen Bahn um ihn herum, einem sogenannten Halo- oder Lissajous-Orbit. Das James-Webb-Teleskop entfernt sich dabei zwischen rund 250.000 und 830.000 km vom eigentlichen Punkt.

Lagrange-Punkte Sonne–Erde

L1 ist der Logenplatz für die Sonnenbeobachtung: Von dort sieht eine Sonde die Sonne ohne Unterbrechung und misst den Sonnenwind bis zu einer Stunde, bevor er die Erde trifft. Deshalb sitzen dort Weltraumwetter-Wächter wie SOHO (seit 1996), ACE und DSCOVR.

L2 ist der Lieblingsplatz der Weltraumteleskope: Sonne, Erde und Mond stehen von dort aus immer auf derselben Seite. Ein einziger Hitzeschild reicht, um die Instrumente kalt und dunkel zu halten.

Lagrange-Punkte Erde–Mond

Auch Erde und Mond haben fünf Lagrange-Punkte. L1 liegt im Mittel rund 58.000 km vor dem Mond in Richtung Erde, L2 rund 64.500 km hinter dem Mond.

Der Erde-Mond-Punkt L2 hat Raumfahrtgeschichte geschrieben: 2018 brachte China dort den Relaissatelliten Queqiao in einen Halo-Orbit. Er hielt die Funkverbindung zur Sonde Chang’e 4, die Anfang 2019 als erste auf der Mondrückseite landete.

Missionen an L1 und L2

MissionPunktZeitraumAufgabe
SOHO (ESA/NASA)L1seit 1996Sonnenbeobachtung
ACE (NASA)L1seit 1998Sonnenwind
DSCOVR (NOAA/NASA)L1seit 2015Weltraumwetter, Erdbilder
Aditya-L1 (ISRO)L1seit 2024Sonnenbeobachtung
WMAP (NASA)L22001–2010kosmische Hintergrundstrahlung
Planck und Herschel (ESA)L22009–2013Hintergrundstrahlung, Infrarot
Gaia (ESA)L22014–2025Sternkatalog der Milchstraße
James Webb (NASA/ESA/CSA)L2seit 2022Infrarot-Weltraumteleskop
Euclid (ESA)L2seit 2023Dunkle Materie und Energie

Auf L2 drängeln sich die Teleskope trotzdem nicht: Ihre Bahnen um den Punkt sind Hunderttausende Kilometer groß. Das James-Webb-Teleskop braucht für eine Runde etwa ein halbes Jahr und zündet rund alle drei Wochen kurz seine Triebwerke.

Trojaner an L4 und L5

Wo ein Punkt stabil ist, sammelt sich über Jahrmilliarden Material. Die bekanntesten Beispiele sind die Trojaner des Jupiter: Anfang 2023 waren rund 13.000 dieser Asteroiden bekannt, rund 8.300 bei L4 und 4.700 bei L5.

Die NASA-Sonde Lucy ist seit 2021 zu ihnen unterwegs und soll mehrere Jupiter-Trojaner aus der Nähe ansehen. Auch die Erde hat zwei bestätigte Trojaner: 2010 TK7 und den rund einen Kilometer großen 2020 XL5, beide bei L4.

Am Erde-Mond-System wurden schwache Staubwolken bei L4 und L5 gemeldet, die Kordylewski-Wolken. Ob sie dauerhaft existieren, ist bis heute umstritten.

Lagrange-Punkte berechnen

Für L1 und L2 gibt es eine gute Faustformel: Der Abstand vom kleineren Körper ist ungefähr seine Entfernung zum großen Körper mal der dritten Wurzel aus einem Drittel des Massenverhältnisses.

Faustformel: r ≈ R · ∛(m / 3M)
Sonne–Erde: 149,6 Mio. km · ∛(1 / 1.000.000) ≈ 1,5 Mio. km
Erde–Mond: 384.400 km · ∛(1 / 243) ≈ 61.500 km (genau: rund 58.000 bzw. 64.500 km)

Für L4 und L5 braucht man gar nicht zu rechnen: Sie liegen immer 60° vor und hinter dem kleineren Körper auf seiner Bahn. Die genaue Lage von L1 bis L3 verlangt dagegen das Lösen einer Gleichung fünften Grades, das erledigen Computer.

Joseph-Louis Lagrange

Benannt sind die Punkte nach Joseph-Louis Lagrange (1736–1813), einem in Turin geborenen Mathematiker, der in Berlin und Paris arbeitete. Er untersuchte das Dreikörperproblem: Wie bewegen sich drei Massen, die sich gegenseitig anziehen?

Die drei Punkte auf der Linie hatte Leonhard Euler schon um 1767 gefunden. Lagrange ergänzte 1772 die beiden Dreieckspunkte L4 und L5 – der Nachweis, dass dort wirklich etwas kreist, kam erst 1906 mit dem ersten Jupiter-Trojaner (588) Achilles.

Kann man sie beobachten?

Die Punkte selbst sind leerer Raum und unsichtbar. Was dort kreist, ist winzig und weit weg: Das James-Webb-Teleskop erscheint auch in großen Amateurteleskopen nur als schwacher Lichtpunkt auf Kameraaufnahmen.

Erreichbar sind die hellsten Jupiter-Trojaner – mit einem größeren Teleskop, einer Kamera und einer Sternkarte, die ihre Position zeigt. Wer mit dem Einstieg in die Beobachtung erst anfängt, findet in unserer Übersicht zum Teleskop-Kauf das passende Gerät.

Häufige Fragen zu Lagrange-Punkten

Wie viele Lagrange-Punkte gibt es?

Jedes Paar aus zwei Himmelskörpern hat fünf, L1 bis L5. Sonne und Erde haben also fünf, Erde und Mond noch einmal fünf, ebenso Sonne und Jupiter.

Wie weit sind die Lagrange-Punkte von der Erde entfernt?

L1 und L2 liegen jeweils rund 1,5 Millionen km von der Erde entfernt. L4 und L5 sind so weit von der Erde entfernt wie die Sonne, rund 150 Millionen km. L3 liegt hinter der Sonne, fast 300 Millionen km entfernt.

Welche Lagrange-Punkte sind stabil?

Nur L4 und L5, und auch nur, wenn der große Körper mindestens rund 25-mal so schwer ist wie der kleine. L1, L2 und L3 sind instabil, Satelliten dort müssen ihre Bahn regelmäßig korrigieren.

Warum steht das James-Webb-Teleskop an L2?

Von L2 aus liegen Sonne, Erde und Mond immer auf derselben Seite. Ein einziger Sonnenschild hält das Infrarot-Teleskop so dauerhaft kalt, und die Funkverbindung zur Erde reißt nie ab.

Gibt es bei L3 eine Gegenerde?

Nein. Ein Planet hinter der Sonne wäre längst durch seine Schwerkraft auf andere Planeten und durch Raumsonden aufgefallen, die von der Seite auf die Erdbahn schauen. L3 ist außerdem instabil.

Quellen: ESA – Exklusiver Beobachtungsplatz für Astronomen, NASA – What is a Lagrange Point?, NASA – Webbs Bahn um L2.

Quellen

  1. Quelle: Von Cmglee – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=111522642