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Astrofotografie, ist die Garantie zum Scheitern mit der Option auf Erfolg.


10/10
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Einst frug ein Newcommer in der Astroszene, wie das denn sei mit der Astrofotografie. Er sei schließlich soetwas wie ein tageslichtprofi, dann kan das mit den Sternen ja nicht so doll sein.....

Hallo Kollege,

wenn ich Dir einen Rat geben darf, dann den, Geduld zu bewahren. Lese dich erst einmal gründlich ein, diskutiere hier im Forum mit uns und schaue Dir ganz ganz viele Bilder an. Aber nicht nur anschauen, sondern auch nachlesen wo, wie und womit diese Bilder gemacht wurden. Dann wirst Du sehr schnell erkennen, daß Astrofotografie mit der normalen Tageslichtfotografie aber schon fast gar nichts mehr gemeinsam hat.

Du wirst dann auch erkennen, daß es nicht abertausende Taler braucht um schöne Fotos zu machen, aber auch, daß man um einen ziemlich happigen Mindestbetrag nicht herumkommt.

Zwei Grundprobleme sind zu bewältigen: Langzeitbelichtung und Bildbearbeitung.

Astrobilder sind langzeitbelichtet. Je länger Du belichten kannst, desto besser werden deine Bilder. Doch dazu musst Du die Erdrotation ausgleichen, was einer ziemlich teuren Technik bedarf. Summa Summarum musst Du mit Investitionen oberhalb der 800 Euro rechnen, vernümftigerweise so um 1.500. Alle die behaupten, es geht auch billiger, werden sich schwer wundern wenn sie ihr Geraffel mal zusammen addieren. Und fängt man damit einmal an, wird es immer weitere Investitionen nach sich ziehen. Apropos Langzeitbelichtung, wir sprechen hier nicht von 5 Sekunden (lang gegenüber dem normalen 1/60tel), sondern über 20min. Und 20min- lang muss die Kamera pixelgenau einem bewegten Objekt folgen und darf nicht wackeln...das hat es in sich...ist aber machbar! Apropos bewegtes Objekt, nicht das Objekt bewegt sich, sondern wir drehen uns darunter weg. D.h. die Erde dreht sich, und genau diese Drehung muss ausgeglichen werden.

Das zweite Problem ist die Bildbearbeitung. Sie unterscheidet sich grundlegend von der der Tageslichtfotografie, auch wenn die gleichen Programme verwendet werden können. Diese EBV zu beherrschen ist 70% des Erfolges. Das war jetzt keine Floskel, sondern entspricht der Wahrheit. Egal wie billig dein Equipment auch sein mag, beherrscht Du die Grundlagen und Techniken der astronomischen Bildbearbeitung, machst Du aus dem Bild mehr, als wenn Du 10 mal teureres Equipment hast aber die EBV nicht beherrscht. Die Foren sind voll von solchen Beispielen.
Das Problem dabei ist, daß man astronomische EBV mühsam erlernen und erfahren muss. Erfahrung ist dabei ALLES, denn jedes Bild ist anders und braucht andere Wege zum fertigen Bild.

Es gibt noch ein drittes Problem, dessen man sich unbedingt bewusst sein sollte. Astrofotografie ist nicht nur ein Bild zu produzieren, es ist eine Einstellung! Ein Freund sagte mal unbarmherzig aber wahr: Gute Astrofotos sind aus Geld gemacht! Da hat er leider Recht, auch wenn es noch zu dikutieren gilt, was Gut ist. Da das Bessere immer der Feind des Guten ist, wird man in der Astrofotografie nie aufhören danach zu streben bessere Fotos zu machen. Besser heist, mit mehr Details, mit längerer Brennweite (also höher vergößert) oder wie wir sagen "tiefer", also mit mehr winzigsten und lichtschwächsten Objekten (je weiter weg, desto lichschwächer!). Und all das zieht gewaltige Kosten nach sich. Das sind aber dann Kosten, die Du gerne aufbringen wirst, denn Du willst vorran kommen.
Nimm mal die ersten 10 Fotos hier im Forum. Vor 15 Jahren hätte man Dir dafür den Pullizer-Preis verliehen, heute ist das Minimum-Standard. Die Messlatte wird immer höher gehängt, und noch dazu in einem rasenden Tempo. Das heist für den ambitionierten Astrofotografen aber auch, daß seine Vorbilder immer schneller immer besser werden. Und dem will man ja folgen, nicht aus Wettbewerbsgründen, sondern weil man sieht was machbar ist. Und was machbar ist, kann man schließlich auch selbst machen. Die Folge ist, daß die gemütlichen Zeiten in der Astrofotografie vorbei sind.
Und hierzu eine EINSTELLUNG zu finden, ist existenziell. Entweder Du hast sie, oder Du wirst frustriert.

Ich habe viel darüber geschrieben, wie schrecklich die Astrofotografie ist. Ich habe aber noch nichts dazu gesagt, wie schrecklich das Leben OHNE Astrofotografie ist, weil ich hier nicht Zähneklappern hervorrufen will. Fakt ist: Wenn dich das Sternenlicht fasziniert, die Technik reizt und die Herausforderung in Dir schreit, sorry, aber dann gehörst Du schon längst zu uns Astrofotografen...nur weist Du es noch nicht! Du wirst das Leben in einer Frustrationstiefe kennen lernen, wie es noch nicht kanntest, aber auch Erfolgsmomente erleben, die vielen Mitmenschen unbekannt sind. Denn denke daran, ein Astrobild ist nicht das Ergebnis eines Klicks, sondern der eines langen Prozesses, selten genug gelingt er perfekt. Darin liegt die tiefere Befriedigung: es geschafft zu haben, sich fretchengleich durchgebissen zu haben und genau zu wissen, das nächste Objekt wartet schon..und dann das Übernächste....

Astrofotografie, ist die Garantie zum Scheitern mit der Option auf Erfolg.

CS
Ulrich

(Verfasser: Ulrichw | Datum: 24. September 2010 | Fehler melden)



Kommentare 

Am 25.07.2015 04:08:16 schrieb tholimas:

Na ja, nicht ganz: selbst wenn man "gut" ist, was Du sagtest, gibt es oft im Budget Grenzen. Diese zu überschreiten, sind dann für meine Begriffe fast unmöglich - es muß halt auch "arme Astrofotografen geben" - ich meine eher: die TEchnik dahinter ist schön und gut - nur macht sie noch außer ästhetischen GRünden Sinn?
Wozu dann ESO, HST, Spitzer...? - nicht ein wissenschaftlich sinnvoller Aspekt steckt in den über 10 tausenden von Euro oft dahinter!
Daher: auch "alte" Astrofotos haben ihren historisch geschichtlichen Reiz - oft ist ja der fotografische Aspekt nur ein Weitere, um eventuell sich mit der Physik dahinter genauer zu beschäftigen!
Dennoch C.S.
th

Am 28.07.2015 00:01:54 schrieb andy123:

Ich muss sowohl dem Autor Ulrich als auch tholimas beipflichten.

Der Artikel beschreibt nur einen Trend, wie er leider schon seit langem zu beobachten ist. Immer größere Optiken und teures fotografisches Equipment für Fotos, die in ihrer Qualität den Aufnahmen der Großteleskope Konkurrenz machen. Natürlich geht das nicht in Deutschland - eine Reise nach Namibia sollte es schon sein...

Ja, und ich gebe tholimas recht (ist übrigens auch die Meinung der Mitglieder in unsrerem Astro-Verein): Einen wissenschaftlichen Nutzen haben diese Aufnahmen nicht. Sie sind schön anzusehen, wenn sie dann nach ausgiebiger Bildbearbeitung in den großen Astro-Zeitschriften oder auf Poster erscheinen.

Aber ist das noch AMATEUR-Astronomie mit ihren vielfältigen Aspekten oder nur eine "Jagd" nach den besten Fotos? Um dieses schöne Hobby zu betreiben, bedarf es keiner teuren Technik. Und manchmal denke ich, dass der Bezug zum "Erlebnis Astronomie" und das Erfassen der Wunder des Universums in diesen Fällen schon verlorengegangen sind.

Trotzdem zolle ich den Amateuren, die solche fantastischen Astrofotos präsentieren meinen größten Respekt. Denn ohne unermüdliche Geduld und komplexes Fachwissen kämen solche Aufnahmen nicht zustande.

Grüße Andreas


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