Kepler-22b: Der „Erdzwilling“, der wohl keiner ist

Von · Aktualisiert am · Angaben geprüft am 28. Oktober 2026

Kepler-22b ist ein Exoplanet im Sternbild Schwan, rund 635 Lichtjahre entfernt: 2,1-mal so groß wie die Erde, umkreist er einen sonnenähnlichen Stern in 290 Tagen – mitten in dessen habitabler Zone.

⭐ Kurz gesagt: Ein „Erdzwilling“ ist Kepler-22b nach heutigem Stand wohl nicht – bei dieser Größe ist ein Mini-Neptun mit dicker Gashülle oder eine Ozeanwelt wahrscheinlicher als ein Gesteinsplanet. Ob dort Leben möglich ist, weiß niemand. Seinen Stern Kepler-22 kannst du aber selbst sehen: mit einem Teleskop ab etwa 13 cm Öffnung, im Sommer und Herbst fast im Zenit.
Künstlerische Darstellung von Kepler-22b als blaugrüner Planet mit Wolkenschleiern vor einem Sternenhimmel
So stellte sich die NASA Kepler-22b 2011 vor – eine Illustration, kein Foto. Wie der Planet wirklich aussieht, weiß niemand. Bild: NASA/Ames/JPL-Caltech, gemeinfrei

Mehr dazu im Überblick: Exoplaneten.

Steckbrief: Kepler-22b in Zahlen

Die Zahlen von 2011 sind überholt. Die Entdecker gaben damals 2,4 Erdradien an, eine Neuauswertung von 2023 kommt auf 2,1. Die Tabelle zeigt den Stand, den das NASA Exoplanet Archive heute als Standard führt.

MerkmalKepler-22b
Radius2,10 ± 0,12 Erdradien (Durchmesser rund 26.800 km)
Massehöchstens 9,1 Erdmassen (Obergrenze, nicht gemessen)
Umlaufzeit289,9 Tage
Abstand zum Stern0,81 AE (Erde: 1 AE)
Einstrahlung1,01-mal so viel wie die Erde
Gleichgewichtstemperaturrund 279 K (ohne Atmosphäre gerechnet)
Entfernung194,6 Parsec = rund 635 Lichtjahre
SternKepler-22, Spektraltyp G5 V, 5.600 K, 0,86 Sonnenmassen
Helligkeit des Sterns11,75 mag
Bekannt gegeben5. Dezember 2011 (Kepler-Weltraumteleskop)
Quelle: NASA Exoplanet Archive (Standardlösung Bonomo et al. 2023), abgefragt am 27.10.2026; Spektraltyp aus Borucki et al. 2012. Lichtjahre gerundet.

Der wichtigste Wert ist die Einstrahlung. Kepler-22b bekommt fast genau so viel Licht wie die Erde, obwohl er näher an seinem Stern kreist – Kepler-22 ist etwas kühler und kleiner als die Sonne.

So groß ist Kepler-22b

Kepler-22b liegt zwischen Erde und Neptun. Mit 2,1 Erdradien ist er größer als jeder Gesteinsplanet unseres Sonnensystems, aber nur gut halb so groß wie Neptun.

Erde1 ErdradiusKepler-22b2,1 ErdradienNeptun3,9 Erdradien
Maßstabsgetreuer Größenvergleich. Die Farbe von Kepler-22b ist geraten – niemand hat ihn je gesehen. Grafik: sterngucker.de

Genau diese Größe macht den „Erdzwilling“ unwahrscheinlich. Auswertungen der Kepler-Daten zeigen, dass die meisten Planeten ab etwa 1,6 Erdradien eine dicke Hülle aus Wasserstoff und Helium tragen (Rogers 2015).

Die Masse würde die Frage klären – sie ist aber nicht gemessen. Eine Messreihe mit dem Spektrografen HARPS-N konnte 2023 nur eine Obergrenze von 9,1 Erdmassen festlegen. Damit sind Gestein, Wasser und Gas weiterhin alle möglich.

Wie Kepler-22b entdeckt wurde

Kepler-22b wurde nie gesehen, nur sein Schatten gemessen. Das Kepler-Weltraumteleskop beobachtete ab 2009 rund 150.000 Sterne gleichzeitig und suchte nach winzigen, regelmäßigen Helligkeitseinbrüchen – der Transitmethode.

Zieht der Planet vor seinem Stern vorbei, wird der Stern um 0,05 % dunkler. Diesen Einbruch registrierte Kepler dreimal im Abstand von 290 Tagen. Am 5. Dezember 2011 gab die NASA den Planeten bekannt – als ersten bestätigten Planeten in der habitablen Zone eines sonnenähnlichen Sterns.

Helligkeit des Sterns während eines TransitsKepler-22b: −0,05 %heißer Jupiter (z. B. WASP-43b): rund −2,5 %Zeit →
Schematisch, Tiefen maßstabsgetreu zueinander: Kepler-22b nimmt seinem Stern rund 50-mal weniger Licht weg als ein heißer Jupiter. Werte: Borucki et al. 2012 (492 ppm). Grafik: sterngucker.de

Kepler hat insgesamt 2.787 bestätigte Planeten gefunden, mehr als jedes andere Instrument. Von den heute 6.451 bestätigten Exoplaneten gehen damit mehr als 40 % auf das Teleskop zurück (NASA Exoplanet Archive, 27.10.2026).

Kann man auf Kepler-22b leben?

Die Lage stimmt, über alles andere wissen wir nichts. „Habitable Zone“ heißt nur: Bei dieser Entfernung zum Stern könnte flüssiges Wasser auf einer Oberfläche existieren. Ob es eine Oberfläche gibt, ist bei Kepler-22b gerade die offene Frage.

Die Gleichgewichtstemperatur von rund 279 K klingt angenehm – sie ist aber eine Rechengröße. Sie gilt für einen Planeten ohne Atmosphäre, der alles Licht schluckt; die Erde käme mit derselben Rechnung auf fast denselben Wert. Wie warm es wirklich ist, entscheiden Atmosphäre und Wolken.

MöglichkeitWas dafür sprichtLeben?
Mini-Neptun mit dicker GashülleDie meisten Planeten dieser Größe sind so gebautKaum denkbar: hoher Druck, keine feste Oberfläche
OzeanweltPasst zu Größe und Masse-ObergrenzeDenkbar, aber reine Spekulation
Große Gesteinswelt („Supererde“)Durch die Masse-Obergrenze nicht ausgeschlossenDenkbar, aber unwahrscheinlichste Variante
Eigene Einordnung nach Rogers 2015 und der Masse-Obergrenze von Bonomo et al. 2023.

Untersuchen lässt sich das so bald nicht. Für Atmosphärenmessungen ist Kepler-22b ein schwieriges Ziel: Sein Stern ist vergleichsweise lichtschwach, und ein Transit kommt nur alle 290 Tage. Warum wir trotz Tausender Planeten noch niemanden „gehört“ haben, behandelt unsere Seite zum Fermi-Paradoxon.

Erdzwillinge im Vergleich

Kepler-22b war 2011 der Erste, heute gibt es erdähnlichere Kandidaten. Die Tabelle stellt die bekanntesten nebeneinander – mit einem Wert, der in keinem Lexikon steht: Wie hell ist der Stern, den du suchen müsstest?

PlanetGrößeLicht (Erde = 1)SternEntfernungStern-Helligkeit
Kepler-22b2,1-fach1,01sonnenähnlich (G5)635 Lj⭐ Selbst sichtbar11,8 mag
Kepler-452b1,6-fach1,10sonnenähnlich (G2)1.800 Lj13,5 mag
Kepler-442b1,3-fach0,66orangener Zwerg (K)1.190 Lj15,3 mag
Kepler-186f1,2-fach0,30roter Zwerg (M1)580 Lj15,1 mag
TRAPPIST-1e0,9-fach0,65roter Zwerg (M8)41 Lj17,0 mag
Quelle: NASA Exoplanet Archive (Planetary Systems Composite), abgefragt am 27.10.2026; Lichtjahre gerundet. Helligkeit im visuellen Band – je kleiner die Zahl, desto heller.

Kepler-22 ist der hellste Stern dieser Liste. Alle anderen sind für Hobbyteleskope zu schwach oder brauchen eine Kamera – Kepler-22b ist der einzige berühmte „Erdzwilling“, dessen Stern du mit eigenen Augen sehen kannst.

Den Stern Kepler-22 selbst sehen

In der Serie „Pluribus“ sucht Carol den Stern Kepler-22 im Teleskop – und das geht wirklich. Den Planeten sieht niemand, aber sein Stern ist mit 11,75 mag hell genug für ein mittleres Hobbyteleskop.

Er steht im Sternbild Schwan, fast genau 5,5° südlich von κ Cygni. Das ist ein 3,8 mag heller Stern am Ende des westlichen Schwanenflügels. Von Deutschland aus geht Kepler-22 nie unter; am besten steht er von Juli bis Oktober abends fast senkrecht über dir.

MonatHöhe um 22 UhrWo am Himmel
Mai28°Nordosten
Juni43°Ostnordosten
Juli61°Osten, hoch
August80°fast im Zenit
September80°fast im Zenit
Oktober61°Westen, hoch
November35°Nordwesten
Dezember bis April9–21°tief im Norden
Eigene Berechnung (Skyfield, JPL-Ephemeride DE421) für die Mitte Deutschlands (51° N, 10° O), jeweils am 15. des Monats. Koordinaten von Kepler-22: Rektaszension 19h 16m 52s, Deklination +47° 53′.

Ab etwa 13 cm Öffnung reicht es unter dunklem Himmel, entspannt wird es ab 20 cm. Nach der Faustformel für die Grenzgröße zeigt ein 130-mm-Teleskop Sterne bis etwa 12,7 mag, ein 200-mm-Gerät bis etwa 13,6 mag. In der Stadt geht davon rund eine Größenklasse verloren.

Tipp: Druck dir eine Aufsuchkarte mit Sternen bis 12 mag aus (etwa aus einem Planetariumsprogramm) und vergleiche das Muster im Okular. Kepler-22 selbst sieht aus wie jeder andere schwache Stern – der Reiz liegt im Wissen, was ihn umkreist.

Für das manuelle Aufsuchen ist ein 8-Zoll-Dobson das Werkzeug der Wahl. Er zeigt Sterne weit unter 12 mag, ist leicht zu bedienen und auch für Mond, Planeten und Galaxien die beste Allround-Lösung zu diesem Preis.

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Welcher Punkt Kepler-22 ist, erkennst du auch dort nur mit einer Karte. Alle Modelle im Vergleich: Smart-Teleskope.

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Den Transit selbst messen?

Bei großen Planeten schaffen das Amateure, bei Kepler-22b nicht. Im Forum von Astronomie.de hat ein Sternfreund den Transit des heißen Jupiters WASP-43b mit einem 76-mm-Mini-Newton und einer Kamera für rund 200 € gemessen – Gesamtkosten unter 500 €.

Kepler-22b nimmt seinem Stern rund 50-mal weniger Licht weg. Ein Helligkeitseinbruch von 0,05 % geht unter dem Flimmern der Erdatmosphäre unter – und er kommt nur alle 290 Tage. Genau dafür brauchte es ein Teleskop im All.

Häufiger Irrtum: Auch große Teleskope zeigen Kepler-22b nicht als Pünktchen neben seinem Stern. Der Planet ist rund 635 Lichtjahre entfernt und steht von uns aus gesehen nur rund ein Hundertstel Bogensekunde neben seinem viel helleren Stern – das trennt heute kein Teleskop der Welt.

Kepler-22b in Film und Serie

Kepler-22b ist der wohl bekannteste Exoplanet der Popkultur. In der Serie „Raised by Wolves“ (HBO Max, 2020–2022, produziert von Ridley Scott) ziehen zwei Androiden auf ihm Menschenkinder groß; gedreht wurde die Planetenlandschaft in Südafrika.

In „Pluribus“ (Apple TV, seit November 2025) kommt von dort ein Funksignal, das die Menschheit verändert. Das ist Fiktion: Ein solches Signal wurde nie empfangen. Echt ist dagegen, dass man den Stern im Teleskop finden kann.

Häufige Fragen zu Kepler-22b

Kann man auf Kepler-22b leben?

Das weiß niemand. Kepler-22b liegt in der habitablen Zone seines Sterns, ist mit 2,1 Erdradien aber wahrscheinlich ein Mini-Neptun mit dicker Gashülle oder eine Ozeanwelt. Für Menschen wäre er ohnehin unerreichbar.

Wie weit ist Kepler-22b von der Erde entfernt?

Rund 635 Lichtjahre (194,6 Parsec). Licht braucht also 635 Jahre bis zu uns. Eine Raumsonde mit der Geschwindigkeit von Voyager 1 (rund 17 km/s) wäre etwa 11 Millionen Jahre unterwegs.

Wie groß ist Kepler-22b?

Er hat das 2,1-Fache des Erdradius, also einen Durchmesser von rund 26.800 km. Ältere Quellen nennen 2,4 Erdradien – das war der Wert der Entdecker von 2011.

Gibt es ein echtes Foto von Kepler-22b?

Nein. Alle Bilder des Planeten sind Illustrationen. Kepler-22b wurde nur indirekt nachgewiesen – über den winzigen Helligkeitseinbruch, wenn er vor seinem Stern vorbeizieht.

Wie viele Kepler-Planeten gibt es?

Das Kepler-Weltraumteleskop hat 2.787 bestätigte Exoplaneten gefunden (NASA Exoplanet Archive, Stand 27.10.2026). Insgesamt sind 6.451 Exoplaneten bestätigt.

Kommt das Signal aus „Pluribus“ wirklich von Kepler-22b?

Nein, das ist erfunden. Real sind nur der Planet und sein Stern im Sternbild Schwan – den Stern kannst du mit einem Teleskop ab etwa 13 cm Öffnung selbst sehen.

Weiterlesen: Kepler-62 und seine Planeten in der habitablen Zone · Kepler-22b im NASA-Katalog

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